Zwischen allen Stühlen

01. 05. 2016, Mitreden!

Sharing Economy – zwischen Vorbotin einer fairen, flexiblen Form des Wirtschaftens und besonders perfider Ausbeutung. 

 

Wer „Sharing Economy“ sagt, sagt meist im gleichen Atemzug auch „Uber“ oder „AirBnB“. Diese beiden Giganten sind allerdings ein Klacks im Vergleich zu Didi Chuxing: Das chinesische Ride-Sharing-Unternehmen wickelte allein 2015 mehr als eine Milliarde Fahrten ab, das ist etwa das Sechsfache dessen, was Uber leistet. Auch bei der Zahl der beschäftigten Fahrer hat Didi Chuxing deutlich die Nase vorne: Während Uber weltweit eine Million Anbieter angibt, hat die chinesische Konkurrenz zehn Millionen Fahrer; während Uber zuletzt um 260 % jährlich zulegte, lag das Wachstum beim Didi Chuxing bei über 1.000 % im Jahr. Einzig bei den Einnahmen hat Uber noch die Nase vorn: Es steht 1,8 Milliarden zu 450 Millionen Dollar Jahresumsatz (die Zahlen stammen aus einer aktuellen Studie des australischen Grattan Institute).

China setzt auf Sharing

Das chinesiche National Information Center veröffentlichte im Jänner eine Prognose, der zufolge die chinesische Sharing Economy um 40 Prozent jährlich wachsen soll und und bis 2020 zehn Prozent der chinesischen Wirtschaft ausmachen soll. Eine Berechnung der Schweizer Bank Credit Suisse schätzt dagegen den Anteil der Sharing Economy an der europäischen Wirtschaft auf 0,25 bis 1 %. – Allerdings auch mit stark steigendem Wachstum.
Beobachter führen den Unterschied auf in China schnell und klar festgelegte Regelungen zurück: Die Europäische Kommission überlegt noch, ob und wie sie sich mit Sharing Economy beschäftigen möchte (und hat den ursprünglich für März angesetzten Termin einmal mehr auf Juni verschoben); in China wurden dagegen die wichtigsten Punkte direkt zentral geregelt. Der Unterschied liegt in der „Legitimierung der Sharing Economy durch Beziehungen zu den wichtigsten Beteiligten, durch Regulierungen und durch das Betonen der positiven sozialen Einflüsse“, schreibt etwa Tech Crunch.

Gibt es den rechtlichen Graubereich?

Warum sind Regulierungs- und Rechtsfragen für den Erfolg der Sharing Economy so wichtig? Um diese Fragen beantworten zu können, müsste erst einmal Klarheit darüber herrschen, was Sharing Economy eigentlich ist. Das „Tauschen“ steht hier in erster Linie für die Kurzfristigkeit der Nutzung und dafür, dass Anbieter und Nachfrager ohne weiteres die Rollen tauschen können. Um bei den bekannten Beispielen zu bleiben: AirBnB vermittelt Wohnungen oder Zimmer zwischen Anbietern und Nachfragern, ein Anbieter kann dabei die gleiche Plattform und die gleichen Tools nutzen, um selbst ein Quartier für die nächste Reise zu suchen.
Ein weiteres Merkmal: Sharing Economy funktioniert innerhalb von Netzwerken. Das Angebot allein (also etwa das zu vermietende Zimmer) wäre ohne das große Netzwerk vieler Zimmersuchender weit weniger erfolgreich.
Das Bild unabhängiger und gleichberechtigter Anbieter und Nachfrager, die einander direkt und unkompliziert aushelfen, stimmt dann allerdings nicht ganz. Hinter den großen Angeboten stehen mittlerweile milliardenschwere Konzerne, deren Geschäft Provisionen für die Vermittlungsleistung sind. Der deutsche Digitalisierungs-Experte Sascha Lobo prägte deshalb den Begriff des Plattform-Kapitalismus als Gegenentwurf zu Vorstellungen einer sozial bestimmten und etwas romantisch verstandenen Tauschgesellschaft. Und die Österreichische Hoteliersvereinigung wettert in ihrer Stellungnahme zur Sharing Economy gar von einer „unheiligen Allianz aus Privaten und Multis“, die „Steuervermeidung und Gesetzeslücken als Konzept“ habe.

Zwischen allen Stühlen

Das wirft viele Fragen für die Politik auf – und grundsätzlich hat die Sharing Economy dabei einmal alle Fronten gegen sich: Aus linker Sicht schafft Sharing Economy viele schlecht bezahlte Mini-Jobs ohne Kündigungsschutz, Mindestlohn oder soziale Absicherung. Das gilt insbesondere für Dienstleistungen wie eben Fahrten- oder Verleihservices. Dazu kommt noch die mangelnde – weil oft unklare – Absicherung von Konsument_innen. Aus traditionell rechter Sicht sind Sharing Economy-Anbieter_innen Konkurrenz zu traditionellen Unternehmer_innen, die sich zwischen den Auflagen von Gewerbeordnung und Finanzamt durchschwindeln und dadurch unfaire Wettbewerbsvorteile haben.
Wenn Sharing Economy also ein Graubereich wäre, der niemandem Vorteile bringt – warum dann das große Interesse an dieser Form des Wirtschaftens? Andreas Weinberger, General Manager von Uber Österreich, führt Nachhaltigkeit als einen wichtigen Grund ins Treffen: Uber arbeite gar nicht daran, Taxis das Geschäft abzugraben, die eigentliche Vision bestehe vielmehr darin, dass eigene Auto in der Stadt obsolet zu machen. „Benutzen statt Besitzen“ ist der Slogan, den auch viele ökonomisch motivierte Befürworter der Sharing Economy ins Feld führen: 80 % an Werkzeugen, Haushaltsgeräten oder eben auch Fahrzeugen werden seltener als einmal im Monat genutzt – Teilen in Form von kurzfristiger Vermietung biete das Potenzial, einiges an Ressourcen in der Produktion zu sparen.
Fraglich ist allerdings, ob dieses Nachaltigkeitspotenzial auch ausgeschöpft werden kann – denn die Motive der Nutzer_innen sind oft andere.

Weiterlesen

1) Sharing Economy – Zwischen allen Stühlen