Was macht eigentlich… ein Flüchtlingshelfer?

18. 09. 2015, Mitreden!

Kilian Kleinschmidt, »Global Networker and Humanitarian ­Expert«, managte Flüchtlingscamps in Jordanien und hilft jetzt in Traiskirchen.

MUT: Sie waren im Camp Zaatari in Jordanien mit über 100.000 Flüchtlingen konfrontiert. Was waren Ihre ­ersten Maßnahmen?

Kilian-KleinschmidtKilian Kleinschmidt: Der Schlüssel war, der Masse »Flüchtling« die Anonymität zu nehmen und sich kennenzulernen, sich auf gleicher Augenhöhe zu verständigen und sich gegenseitig als Menschen zu begreifen. Es hat sechs Monate gedauert, eine gemeinsame Vision für die Zukunft zu entwickeln.

Was denken Sie über die Probleme in Traiskirchen?

Erstaufnahmestellen sind als Durchreisestationen konzipiert. Allerdings dauert der Einzelaufenthalt durch den Widerstand gegen die Umverteilung meist länger. Deswegen sind Strukturen für den Dialog zwischen Verwaltung und Flüchtlingen wichtig. Missstände müssen diskutiert und geklärt werden, gemeinsame Problemdefinitionen führen zu Entspannung.

Welche Folgen wird die derzeitige Situation haben?

Die gegenwärtige Polarisierung ist gefährlich für alle. Sieben Flüchtlinge pro 1.000 Einwohner ist ein bewältigbares Problem – im Vergleich zum Libanon mit 256 Flüchtlingen je 1.000 Einwohner. Wahre, echte Hilfe wären sofortige Arbeitsgenehmigungen für alle, deren Aufenthalt durch den Flüchtlingsstatus gesichert wird. Jeder sollte sich sofort um sich selber kümmern dürfen. – Armut ist eine Menschenrechtsverletzung.

Wie soll man mit Ängsten der Bevölkerung umgehen?

Das »Andere« macht immer Angst, aber Ausgrenzung schafft Ghettos und Spannungen. Massenunterkünfte erzeugen Aggression. Investitionen in Ausbildung und kulturelles Verständnis der oft jugendlichen Flüchtlinge werden sich durch schnellere Integration auszahlen. Das Exil wird zur Chance für gesellschaftliche Veränderungen auch in Kulturen, die wir als fremd und sehr weit entfernt ansehen.

Wie werden sich die Flüchtlingsströme Ihrer ­Einschätzung nach entwickeln?

Es ist erst ein Anfang. Es gibt keine seriösen Bemühungen, den Krieg im Nahen Osten zu beenden. Die Diplomatie stockt und die Länder der Region sind überfordert. Gleichzeitig wird die humanitäre Hilfe suspendiert – die einen lächerlichen Euro pro Person pro Tag kostet. Wenn dieser eine Euro von der ganzen Welt nicht aufgebracht werden kann, dürfen wir uns nicht wundern, wenn keiner mehr im Nahen Osten bleiben möchte. Es gibt keine Möglichkeiten, ein Studium oder eine Lehre zu machen. Jeder, der es kann, wird versuchen weiterzukommen. Wenn wir nicht sehr aktive Maßnahmen treffen, wird dieser chaotische, unmenschliche Exodus Richtung Europa weitergehen.

Was können die EU-Staaten tun?

Kontingentflüchtlingsprogramme müssen europaweit verstärkt werden, damit es auch für ärmere Flüchtlinge Chancen gibt. Zweitens müssen wir aktiv Arbeits- und Ausbildungsplätze vermitteln. Denkbar sind auch Visa und ­Arbeitsgenehmigungen auf Zeit, um vom Schlepper­unwesen zu einer geregelten Einwanderung zu kommen.

Welchen Projekten werden Sie sich nach Ihrer Zeit bei UNHCR widmen?

Ich bin seit dem 1. November 2014 unabhängig als Berater und Lobbyist für humanitäre Fragen und habe einen Verein in Wien gegründet. Wir wollen Bedürfnisse dieser Welt mit brachliegenden Ressourcen verbinden – irgendwo auf der Welt gibt es immer eine Lösung für ein Problem, das es woanders gibt. Wir suchen im Augenblick noch nach einer Anschubfinanzierung. Ein Business Angel wäre jetzt einfach wundervoll – aber das ist in Europa schwierig.

Das Interview führte ­Susanne Leiter.