Vergessene Reformen

22. 01. 2015, Mitreden!

Bildung ist eine Baustelle. In wenigen Bereichen wurde mehr diskutiert und weniger umgesetzt. Eine kurze Geschichte der Entwicklung in Österreichs Schulen und eine Liste der längstdiskutierten Nicht-Reformen. 

Im Herbst 2011 rief Hannes Androsch zum Bildungsvolksbegehren auf – 383.820 Menschen unterschrieben damals für eine Bildungswende. Mit über 100.000 Unterschriften wurde die Behandlung im Nationalrat erreicht. »Wir fordern ein faires, effizientes und weltoffenes Bildungssystem, das vom Kleinkind an alle Begabungen fördert und Schwächen ausgleicht«, hieß es in der Unterstützungserklärung. Passiert ist seither wenig. »Das österreichische Bildungssystem verschlingt Unmengen an Geld, bevor Reformen überhaupt umgesetzt werden können«, kritisiert Bildungsforscher Stefan Hopmann.

Ein Blick zurück zeigt: 1974 trat das heute gültige Schulunterrichtsgesetz in Kraft. Verantwortlich dafür war Bruno Kreisky, unter dessen Regierungszeit zahlreiche Bildungsreformen fielen: 1971 kam es zur Abschaffung der AHS-Aufnahmeprüfungen; die freie Schulfahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln und Gratis-Schulbücher gibt es seit 1972. Die Einführung der Koedukation folgte im Jahre 1975. Seit 1993 können Volksschüler_innen mit Behinderung, seit 1997 auch Schüler_innen der Hauptschule und AHS-Unterstufe integrativ unterrichtet werden – daraus entstand die inklusive Pädagogik. Mit 1. Oktober 2007 wurde die Aus- und Weiterbildung von Lehrer_innen neu geregelt: Verschiedene Ausbildungsinstitute wurden in Pädagogischen Hochschulen zusammengefasst. 2011 beschloss die Regierung die Einführung der Mittleren Reife, eine »Mini-Matura« nach der achten Schulstufe, doch daraus wurde nichts.

Aktuellste Reform: die Zentralmatura, die im laufenden Schuljahr erstmals an den AHS durchgeführt wird. Bildungsforscher Stefan Hopmann bezweifelt die Sinnhaftigkeit: »Es gibt keinen Beweis, dass dieses System mehr soziale Gerechtigkeit, Notengerechtigkeit oder eine Leistungssteigerung bringt.«

Zudem findet derzeit die schrittweise Umstellung auf die Oberstufe Neu statt: Klassenwiederholungen sollen verringert werden, indem Schüler_innen mit zwei (einmal bei Zustimmung der Lehrer_innen auch mit drei) »Nicht Genügend« aufsteigen können. Schüler_innen haben bei dem neuen Modell zwei Möglichkeiten, einen Fünfer auszubessern, wobei sie bei der zweiten Wiederholung eine_n andere_n Prüfer_in wählen können. Positive Leistungen bleiben auf jeden Fall bestehen.

Ab 1. September 2017 gilt die Oberstufe Neu an allen österreichischen AHS und BMHS.

Bildungswege

Die Schulwahl im Alter von zehn Jahren ist so nach wie vor entscheidend. Nur sieben Prozent der Absolvent_innen von Hauptschule oder Neuer Mittelschule wechseln nach der Unterstufe in eine AHS-Oberstufe. – Die AHS-Matura ist aber der häufigste Weg an die Universitäten. Auch BHS-Maturant_innen sind an den Universitäten deutlich seltener.

Bildungswege

Abschlüsse

(Quelle: Nationaler Bildungsbericht 2012)

Ausstehende Reformen

Die tägliche Turnstunde soll bis 2018 schrittweise an Ganztagsschulen eingeführt werden (seit 2012 im Gespräch).

Gesamtschule Das Thema wurde kürzlich aufgrund ­anhaltender Blockaden der ÖVP auf Eis gelegt.

Mittlere Reife Die »Mini-Matura« nach der 8. Schulstufe wurde immer wieder diskutiert, aber nie umgesetzt.

Schulautonomie Im September 2013 legte Ministerin Heinisch-Hosek ein Schulautonomie-Paket vor: So sollen Schulen über Dauer bzw. Verteilung der Unterrichtseinheiten selbst entscheiden können. Die Umsetzung steht noch aus.

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