Unis auf dem Abstellgleis

13. 07. 2015, Mitreden!

Österreichs Universitäten rutschen in internationalen Rankings immer weiter ab, Forscher_innen zieht es ins Ausland und für Studierende haben sich die Betreuungsverhältnisse verschlechtert. Die Studienplatzfinanzierung als möglicher Ausweg wurde auf 2019 verschoben. 

Mobilität hat für Österreichs Forscher_innen vor allem eine Richtung. Und die heißt: Weg hier! Auslandsaufenthalte gehören für eine akademische Karriere zum guten Ton, neue Horizonte und Perspektiven sind gerade für Wissenschaftler_innen essenziell. Fünfzehn Prozent der heimischen Forscher_innen, die schon zwei Mal oder öfter in angesehenen Fachzeitschriften publiziert haben, können auch mehrmonatige Auslandserfahrung vorweisen, dabei zieht es die meisten in die USA, nach Großbritannien oder nach Deutschland. Österreich dagegen, ergab eine Studie des Netzwerkes „Mobility of Researchers in Europe“, rangiert bei den Wunschzielen von Jungwissenschaftler_innen nur unter ferner liefen.

Österreichs Universitäten haben keinen besonders guten Ruf. In internationalen Rankings fallen sie weiter und weiter zurück. Derzeit lieg t die Universität Wien als bestgereihte österreichische Universität auf Platz 182 des »Times«-Rankings (abgestürzt von Platz 139 im Jahr 2011). Und auch als Arbeitgeber_innen verlieren Universitäten an Attraktivität. Befristete Dienstverträge, hierarchische Organisationen und fehlende Perspektiven treiben den Nachwuchs ins Ausland.

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Schlechte Aussichten in Österreich

»Österreichs Universitäten sind internationaler als ihr Ruf oder als es diverse Rankings auf den ersten Blick vermuten lasse«, heißt es dazu aus dem Wissenschaftsministerium. Gerade Rückkehrer_innen, die nach ihren Auslandserfahrungen wieder in Österreich Fuß fassen wollen, merken davon wenig.

Die Soziologin Stefanie Smoliner untersuchte in ihrer Dissertation die Situation nach Österreich zurückkehrender Forscher_innen und zeichnete dabei ein ernüchterndes Bild: Während die Motive für den Weggang vorrangig beruflicher Natur waren, sind die Gründe für die Rückkehr in erster Linie privat – wie etwa die Schulpflicht der Kinder. Während des Auslandesaufenthaltes war der Karriereweg für die meisten klar, nach der Rückkehr fehlt er: Heimkehrer_innen fällt es schwer, adäquate Jobs zu finden, klare Entwicklungsmöglichkeiten fehlen meist zur Gänze. Ausnahmefälle, die sich schnell wieder eingefunden haben, führen ihre bessere Situation darauf zurück, dass ihre Vorgesetzten ebenfalls nach Auslandsaufenthalten vor einer ähnlichen Situation standen und sie in Eigeninitiative unterstützt haben. Unterstützung für die Familie – etwa bei der Jobsuche für Partner_innen oder bei der Schulwahl für Kinder – gibt es in den seltensten Fällen.

Die Probleme der Forscher_innen sind ein Symptom der Situation an den heimischen Universitäten. Absolvent_innenzahlen gelten als Erfolg, Studienbedingungen und Forschungsergebnisse sind dabei zweitrangig. So bezeichnete Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner den Anstieg »prüfungsaktiver« Student_innen, den der aktuelle »Universitätsbericht 2014« ausweist. als Erfolg. Die Kehrseite dieser Entwicklung, ebenfalls im Universitätsbericht nachzulesen, ist allerdings: Das Betreuungsverhältnis an den Universitäten verschlechtert sich laufend. In Österreich betreut ein_e Professor_in im Schnitt 121 Student_innen. Zum Vergleich: An der Uni Zürich kommen 49 Student_innen auf eine_n Professor_in, und an der Uni München sind es 66. Die besten Betreuungsverhältnisse gibt es in Österreich an Universitäten mit Zugangsbeschränkung wie den Kunst- und Medizin-Unis oder der Veterinärmedizinischen Universität. Am schlechtesten schneiden bei der Betreuung die Wirtschaftsuniversität, die Uni Wien und die Uni Graz ab.

 

Akademisierung um jeden Preis?

Prüfungs- und Akademiker_innenquoten in den Vordergrund zu stellen, führt die Idee von Universitäten ad absurdum. So sieht es zumindest der deutsche Philosoph und Politiker Julian Nida Rümelin in seinem Buch »Der Akademisierungswahn«. Der ehemalige deutsche Kulturminister beklagt den Trend zur Universität für alle als auf der einen Seite Geringschätzung handwerklicher Ausbildungen, auf der anderen Seite als Ursache für die zunehmende Verflachung der universitären Ausbildung.

 

Wie innovativ sind Universitäten noch?

Wodurch sich Universitäten heute auszeichnen können, ist nach zwanzig Jahren Fachhochschule, jahrzehntelanger Sparpolitik und mittelmässigen Jobchancen für Nachwuchswissenschaftler_innen, so Rümelin, tatsächlich eine gute Frage. Universitäten stehen heute vor allem für ständige Geldsorgen, überfüllte Hörsäle und mangelnde bis kaum vorhandene Betreuung der Student_innen.

International bewährte Konzepte zur Gegensteuerung werden in Österreich gerade erst Mal diskutiert. An erster Stelle stehen dabei Finanzierungsfragen. Zur Orientierung: Die jährlichen Ausgaben im Rahmen des Hochschulbudgets sind in Österreich seit 2010 um acht Prozent gestiegen, 2013 flossen insgesamt 3,8 Milliarden Euro in den Universitätsbereich. Dennochs ist die Regierung meilenweit von ihrem Ziel entfernt, zwei Prozent des BIP in den tertiären Sektor zu investieren – derzeit liegt dieser Wert bei 1,4 Prozent. »Österreich gibt damit mehr staatliche Mittel für tertiäre Bildung aus als im OECD-Schnitt üblich. Dort sind es nur 1,1%. Bei ergänzenden Privatmitteln liegen wir allerdings weit unter dem Schnitt: In Österreich sind es 0,073% des BIP, OECD-weit 0,5%«, spielt man den Ball aus dem Wissenschaftsministerium an die Universitäten zurück.

Die wichtigsten Ursachen für die geringen Investitionen privater Organisationen und Unternehmen liegen aber in rechtlichen Rahmenbedingungen. So ist Crowdfunding in Österreich nur in kleinem Stil möglich, und gemeinnützige oder risikoorientierte Investitionen sind für heimische Stiftungen steuerlich nicht attraktiv. Der Blick über die Grenzen zeigt, dass dabei viel Potenzial unausgeschöpft bleibt. Während Stiftungen in Deutschland 183 Euro pro Einwohner_in im gemeinnnützigen Bereich – also zu Beispiel in Universitäten – investieren (in der Schweiz sind es 160 Euro), sind es in Österreich gerade mal drei Euro.

 

Stiftungen

Österreichs Universitäten müssen sich allerdings auch die Frage gefallen lassen, ob in akademische Forschung investiertes Geld gut investiertes Geld ist: Von 3.978 in Österreich im Jahr 2011 angemeldeten Patenten wurden nur 104 von Universitäten oder Fachhochschulen angemeldet. Die restlichen Anmeldungen kamen direkt von Unternehmen selbst oder von Privatpersonen.

Patente

Dauerdiskussion um Finanzierung

Universitäten müssten auf der anderen Seite auch erst lernen, mit neuen Finanzierungsformen umzugehen. Der aktuelle »Forschungsaktionsplan« des Wirtschafts- und Wissenschaftsministeriums stellt dar, dass österreichweit zwar im Schnitt knapp 25 Prozent des wissenschaftlichen Personals über private Quellen finanziert werden, dass allerdings genau das auch für viele Probleme der Forscher_innen sorgt. Es gibt wenig Übertrittsmöglichkeiten zwischen meist nur auf Zeit privat finanzierten Projekt-Jobs und fixen öffentlich finanzierten Karrieren. Unterschiedliche Personalmodelle und Budgetvorgaben erschweren die Situation. – Insgesamt sind in Österreich fast 75 Prozent aller wissenschaftlichen Uni-Jobs befristet.

Universitäten brauchen frisches Geld – die Studienplatzfinanzierung, als neuer Weg in vielen Ländern Europas bereits umgesetzt, erleidet derzeit allerdings ein echt österreichisches Schicksal. Für Österreichs bislang letzten echten Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle war sie vor nicht einmal zwei Jahren noch eine »Koalitionsbedingung«. Dann wurde sie mitsamt dem Wissenschaftsministerium auf Eis gelegt. Es gibt eine befristete Grundsatzregelung, die nie in die Praxis umgesetzt wurde und bereits vergangenes Jahr abgelaufen ist. Nachfolgeregelungen wurden »aus budgetären Gründen« auf 2019 verschoben.

Studienplatzfinanzierung bedeutet, dass die Budgets von Universitäten und Instituten mit der Zahl der Studierenden wachsen – für jeden Studienplatz steht ein Budget zur Verfügung. Das sorgt für bessere Planungsgrundlagen und bessere Betreuungsverhältnisse. Kritiker_innen sehen dadurch weniger populäre Studienrichtungen mit niedrigen Studierendenzahlen gefährdet.

Eine Studie des Austria Institute of Technology, die mehrere international bereits umgesetzte Studienplatzfinanzierungsmodelle untersuchte, belegt außerdem, dass die erfolgreichen Umsetzungen auch von weiteren Maßnahmen begleitet wurden. Das können Studienplatzbegrenzungen, Wartefristen für Studierende oder Studiengebühren als zusätzliche Finanzierungsquelle sein. Sowohl Zugangsbeschränkungen als auch Studiengebühren sind in Österreich traditionell heiß umstritten. Studiengebühren wurden in den siebziger Jahren abgeschafft, 2001 wieder eingeführt, und 2011 wieder aufgehoben. Derzeit heben einige Universitäten Studiengebühren ein, wenn die Mindeststudiendauer um zwei Semester überschritten wird. Sonderregelungen für Zugangsbeschränkungen in einigen Fächern laufen im Dezember 2015 aus. Erfahrungsberichte gibt es noch nicht, erst bis Ende des Jahres soll ein Evaluierungsbericht vorliegen.

 

An unklaren oder verschleppten Finanzierungskonzepten leiden damit nicht nur die Studierenden, sondern auch die Universitäten als Arbeitgeber. Die Brain-Drain-Bilanz der heimischen Universitäten ist negativ: Zwar kommen laut OECD Science-Scoreboard knapp 15 Prozent der Neuzugänge aus dem Ausland – mehr als die Hälfte davon sind aber Heimkehrer_innen. In der Schweiz etwa ist das Verhältnis umkehrt: Dort sind zwei Drittel des im Ausland rekrutierten Personals »echte« Neuzugänge, die in der Schweiz bessere Bedingungen suchen …

 

Text: Susanne Wolf
Foto: cc Uni EF

Niki Scherak

Niki Scherak

NEOS Wissenschaftssprecher

Die Betreuungsverhältnisse an Österreichs Universitäten sind weit davon entfernt, im internationalen Vergleich mithalten zu können. Die Leidtragenden sind dabei die Studierenden. Was es endlich braucht, ist eine echte kapazitätsorientierte Studienplatzfinanzierung, die die tatsächlichen Kosten pro Studienplatz abdeckt. Für jede Studienrichtung sollen exakt die Bedürfnisse für eine qualitätsvolle Bildung definiert werden und somit eine „optimale“ Betreuungsrelation von Wissenschafter_innen zu Studierenden gewährleistet werden. In einem weiteren Schritt braucht es dann eine echte Autonomie der Universitäten, sodass diese selbst entscheiden können, ob und wie sie Zugangsbeschränkungen ausgestalten wollen. Außerdem soll es den Universitäten ermöglicht werden, innerhalb eines gesetzlichen Rahmens nachgelagerte Studiengebühren einheben zu dürfen. Das sollen alle Studierenden mittels eines zinsfreien, staatlichen Bildungsdarlehens bezahlen, das erst dann zurückgezahlt werden muss, sobald sie im Berufsleben stehen und ein entsprechendes Einkommen haben.