Umverteilung. Aber anders

01. 03. 2016, Mitreden!

Arbeit – Lange galt Österreich als Insel der Seligen im internationalen Arbeitsmarkt. Das ändert sich gerade dramatisch. Die Arbeitslosenrate steigt, in Rankings verliert Österreich an Boden. Es ist höchste Zeit für Gegenmaßnahmen. Im Kern geht es dabei um Umverteilung.

 

Viele Unternehmen leiden unter einer strukturellen Schwäche des österreichischen Bildungssystems«, sagt Herbert Buchinger, Chef des Arbeitsmarkt­service Österreich, und bringt damit ein komplexes Problem auf den Punkt. Ein Beispiel: Der Halbleiterhersteller Infineon ist in einer zukunftsträchtigen Branche tätig, gilt als Produktionsbetrieb auf neuestem Stand der technischen Möglichkeiten, weist bei allen relevanten wirtschaftlichen Kennzahlen Wachstum auf und ist mit seinem Werk in Villach ein Rettungsanker im krisengebeutelten Kärnten. So viel zum positiven Teil der Geschichte. Aber Infineon hat in Österreich derzeit knapp 100 offene Stellen.
Österreich kann nicht mit ausreichend Techniker_innen und Naturwissenschaftler_innen dienen. Der Anteil an ausländischen Arbeitskräften liegt bei Infineon bei 22 Prozent (österreichweit liegt der Wert bei etwa 17 Prozent). »Internationalität und Diversität sind Teil unserer Wettbewerbsstärke und eine große Bereicherung. Gleichzeitig sind Jobs bei Infineon auch attraktiv für gut qualifizierte Menschen aus Österreich. Seit Jahren weisen wir auf den Mangel an Techniker_innen in Österreich hin«, so Infineon-Chefin Sabine Herlitschka.
Das Problem von Infineon ist symptomatisch für den österreichischen Arbeitsmarkt: Es gäbe Jobs, es gäbe den Willen, sie mit Menschen aus der Region zu besetzen – aber aufgrund struktureller Probleme finden Angebot und Nachfrage nicht zueinander. Oft sind es Regulierungen, Kostenfragen oder Fragen der Flexibilität, die neue Jobs verhindern. In diesem Fall sind es Fragen der Bildung. Jobs sind eine Verteilungsfrage – in Umbruchszeiten wird aus Verteilung Umverteilung. Auch dafür haben sich die Vorzeichen geändert. Umverteilung findet heute in vielen Formen statt – nicht mehr nur über den Staat, der Steuereinnahmen verteilt, Arbeitslosengeld auszahlt und in Krisenzeiten in Form von Infrastrukturprojekten kurzfristig direkt Arbeitsplätze schafft.

ArbeitGrafikProduktionsjobs
Im Fall von Infineon etwa findet Umverteilung in Form von Arbeitsmigration statt. Für die bei Infineon Beschäftigten ist das gut – aus rein österreichischer Perspektive ist das ein Problem. Eigentlich sollte die Umverteilung im Bildungsbereich stattfinden. Österreich müsse junge Menschen besser in den MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) ausbilden, wenn »wir die Wachstumspotenziale nutzen wollen«, fordert Buchinger. Denn in den niedrig qualifizierten Segmenten gibt es kaum noch Entwicklungsmöglichkeiten. Bei Menschen, die nur über einen Pflichtschulabschluss verfügen, liegt die Arbeitslosigkeit schon bei 26 Prozent.

Umverteilung nach oben

Die Erkenntnis, dass eine Umverteilung nach oben – in Richtung höherer Qualifikation – stattfinden muss, ist alles andere als neu. Schon in den späten 1950er Jahren sprach der Management-Pionier Peter F. Drucker von »Wissensarbeit«. Wo traditionelle Arbeit mehr und mehr durch Maschinen erledigt wird, kommt den Menschen die Aufgabe zu, Dinge zu bewältigen, die nicht den Standardabläufen entsprechen. Heute nennt sich das Industrie 4.0. »In vernetzten Fabriken der Wissensökonomie wird das, was früher in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen gemacht wurde, zur täglichen Aufgabe im Produktionsprozess. Datenanalyse und die permanente Suche nach weiteren Möglichkeiten zur Optimierung, Beschleunigung und Verringerung des Ressourcenverbrauchs finden direkt in der smarten Fabrikshalle statt«, so Herlitschka. Expert_innen dafür sind rar und die Betriebe investieren viel in Aus- und Weiterbildung.
Sie müssen die »Schwächen des Bildungssystems kompensieren«, wie es Buchinger formuliert. Zwar können Schulen keine ganz »passfertigen« Arbeitskräfte hervorbringen, aber sie müssen die Fähigkeit fördern, sich »rasch Wissen und Kompetenzen anzueignen« – und das mit modernster »Bildungshardware«, also einer Ausstattung auf der Höhe der technologischen Möglichkeiten.

Umverteilung in Richtung Freizeit

Von der Idee der Vollbeschäftigung haben wir uns längst verabschiedet. Die Wirtschaft wächst schneller als das Volumen der geleisteten Arbeitsstunden. AMS-Chef Buchinger ist überzeugt, dass die Entwicklung in Richtung »skandinavischer Verhältnisse« gehen wird. – Also in Richtung Teilzeitbeschäftigung für Männer und für Frauen, die sich zu gleichen Teilen der Kindererziehung und Haushaltstätigkeiten widmen. Der Lohnausgleich wird innerhalb des Haushalts stattfinden.
Heute ist Teilzeitbeschäftigung in Österreich oft nur ein Lückenbüßer. Wiedereinsteiger_innen oder Ältere arbeiten Teilzeit, um dem Unternehmen Kosten zu sparen oder um sich ein Minimum an Flexibilität zu bewahren. Das Potenzial flexibler Arbeitszeitgestaltung bleibt dabei ungenutzt. In Zukunft, ist AMS-Chef Buchinger überzeugt, wird es aber auch verstärkt Menschen in Führungspositionen geben, die nicht 40 Stunden vor Ort sind. Das sei machbar, wenn wir uns von dem Gedanken verabschieden, dass Führungspersonen auch Fachkräfte sein müssen. Die reine Koordinationsarbeit für ein Team von 10 bis 15 Personen betrage ohnehin nur 50 bis 60 Prozent. Und wenn Arbeit in Netzwerken statt in Hierarchien organisiert wird, wird es noch einfacher, Teilzeitkräfte zu integrieren.

Umverteilung in Richtung Selbstständigkeit

Ein an­derer Umverteilungstrend betrifft den Wechsel in die Selbstständigkeit. Vor allem die Zahl der EPU (Ein-Personen-Unternehmen) steigt kontinuierlich an. Ende 2015 lag sie bei über 288.000. Das entlastet die Arbeitslosenstatistik, ist für die Einzelunternehmer_innen aber mit enormen Risiken verbunden.
Hinter der Entscheidung zur Selbstständigkeit stecken oft nicht nur Träume von flexiblerer Zeiteinteilung, Selbstverwirklichung oder Unabhängigkeit. Meist sind es nüchterne Überlegungen, die der Realität Rechnung tragen: Gerade hoch qualifizierte Spezialist_innen finden über die Selbstständigkeit oft bessere Zukunftsperspektiven als in einer Organisation.
Trotzdem mündet das Abenteuer oft in krankmachender Selbstausbeutung. Im Umfeld der Offenen Technologielabore (OTELO) wurde ein hochinteressanter Ansatz entwickelt, der das abfedert: Eine Genossenschaft der unselbstständig Selbstständigen. OTELOs stellen in Österreich – vor allem abseits urbaner Ballungszentren – offenen Raum und Infrastruktur für kreative und technische Tätigkeiten zur Verfügung und ermöglichen so die Arbeit an neuen Ideen und Projekten. Mittlerweile hat die Genossenschaft selbst zehn Angestellte, die mit einem Höchstmaß an Eigenständigkeit agieren. Martin Hollinetz, der Miterfinder dieser Idee: »Die Genossenschaft macht vieles einfacher, nach außen und nach innen.« Im Außenverhältnis treten die Angestellten im Namen eines größeren Unternehmens auf, das leichter an Aufträge kommt, und im Innenverhältnis stimmt das »Wohlfühlsetting«. Letzteres vor allem deshalb, weil die Mitglieder daran arbeiten, mehr Freizeit zu erwirtschaften. Wer hochgerechnet auf ein Jahr mehr verdient als erwartet, bekommt die Gewinne in Form von Freizeit zurück.

Umverteilung in Richtung Freude am Arbeiten

Der in Österreich geborene und in den USA lebende Philosoph Frithjof Bergmann bezeichnet Arbeit, wie wir sie heute kennen, als »milde Krankheit«, als notwendiges Übel zum Bestreiten des Lebensunterhalts. Seine Utopie von einer »Neuen Arbeit« wird in unzähligen Projekten in aller Welt erprobt; unter anderem auch in den OTELOs, die Martin Hollinetz mitbegründet hat. Das Ziel ist eine Gesellschaft, in der Menschen nicht an ihrer Arbeit leiden wie an einer Krankheit, sondern Dinge tun können, die sie wirklich wollen, und damit viel mehr Engagement und Kreativität freisetzen. – Also auch viel produktiver sein können. Eine Grundlage dafür sind neue Produktionsmittel und vor allem die Vernetzung. Alle technischen Möglichkeiten sollen im Sinne eines High Tech Self Providing (HTEP) eingesetzt werden und so kleinräumige Strukturen und Gemeinschaftsarbeit stärken. Das Charmante an Bergmanns Gedanken: Es handelt sich dabei nicht um eine Ideologie, für deren Durchsetzung eine Revolution nötig wäre. Sie kann sich im bestehenden System von unten entwickeln – wie etwa in Form der OTELO-Genossenschaft. Sie zeigt sich in Hacker- und Makerspaces, Reparatur-Cafés und Community-Projekten, in denen weltweit verstreute Menschen komplexe Produkte entwickeln. Das Betriebssystem Linux ist das wohl bekannteste Beispiel; aktuellere Beispiele wird es im April bei der »Maker Faire« in Wien zu sehen geben.

Matthias StrolzMatthias Strolz
NEOS Bildungssprecher

Mündige Menschen Auf eigenen Beinen stehen, das ­Leben selbst in die Hand ­nehmen – beruflich und ­privat. Der mündige Mensch! Der wich­tigste Beitrag des Staates dazu: ein gutes Bildungssystem.

strolz.eu

 

Diese Entwicklungen weisen den Weg in eine Richtung, die der deutsche Arbeitswissenschaftler Ulrich Klotz in einem Aufsatz zur Zukunft der Arbeit beschreibt: »Arbeit wird künftig wieder begriffen werden als etwas, was man tut, und nicht als etwas, was man hat.« Das Denken in traditionellen Kategorien wie Arbeitsplatz müsse aufgegeben werden. Stattdessen müsse in Fähigkeiten gedacht werden, die uns in die Lage versetzen, unseren Lebensunterhalt zu verdienen – so wie es viele Klein- und Einzelunternehmer_innen vormachen.

Umverteilung raus aus Europa

Die International Labour Organisation (ILO) veröffentlicht jährliche Berichte zum »World Employment and Social Outlook«. Die Daten des aktuellen Berichts zeigen: Europa ist satt. Innerhalb des gewohnten Rahmens wird Wachstum nicht mehr stattfinden. Wachstumsbranchen verändern sich, Produktions- und Fertigungsjobs gehen mit fortschreitender Technologie unwiederbringlich verloren. Und auch regional betrachtet finden große Verschiebungen statt: In Industrie­ländern steigt die Arbeitslosigkeit weiter rasant. In Schwellenländern dagegen entstehen deutlich mehr neue Jobs.
Gerade in dieser Situation bietet Digitalisierung, auch in der Produktion, enorme Chancen. »Mit Industrie 4.0 haben wir die Chance auf intelligentes Wachstum und Jobs in Europa, weil es um Know-how und Qualifikationen der Menschen geht. Gerade deshalb ist in Österreich eine offensive Bildungspolitik, ausgerichtet auf die Erfordernisse und Chancen des 21. Jahrhunderts, so wichtig«, so Infineon-Chefin Herlitschka.
Arbeitsbeschaffung und Umverteilung, wie wir sie vor fünfzig Jahren gewohnt waren, funktionieren heute nicht mehr. Soziale Umverteilung braucht vor allem Freiraum in der Gestaltung von Arbeitsverhältnissen.

 

Text: Werner Reiter
Foto: Tirza Podzeit

Sepp Schellhorn

Sepp Schellhorn

NEOS Wirtschaftssprecher