Sozialmuseum Europa

14. 02. 2016, Mitreden!

Michael Moore erobert in seinem neuen „Where to invade next“ Film die besten sozialen Ideen Europas für die USA. 

In den letzten Minuten von Michael Moores neuem Film „Where to invade next“ beschleicht die Zuseher_innen das Gefühl: Es könnte auch nur eine Erinnerung sein, ein Stück fürs Museum, eine Dokumentation einer Welt, von der man sich bereits verabschiedet.
In seinem aktuellen Film reist Moore – fiktiverweise im Auftrag des US-Militärs – durch die Welt, um nachahmenswerte Ideen für die USA zu erobern. In einer der letzten Szenen spaziert er mit einem Freund die Reste der Berliner Mauer entlang; beide erinnern sich, wie einfach es dann plötzlich war: Innerhalb weniger Tage nach dem Beginn der ernsthaften Proteste war die Mauer dann auch verschwunden – ein Symbol dafür, dass man Dinge nur anzugreifen braucht, dass auch scheinbar unmögliches möglich gemacht wird, wenn man es nur aktiv angeht. Heute, keine 30 Jahre später, werden wieder Zäune und Mauern aufgestellt. Heute ist es auch nicht ganz von der Hand zu weisen, dass das zaunfreie Europa vielleicht nur eine kurze Zwischenphase war.
Der Plot in Moores Film: Trotz größter Aufwände haben die USA seit dem Zweiten Weltkrieg keinen Krieg mehr gewonnen. Sie hatten auch nicht einmal irgendeinen Nutzen aus den Kriegen seither. Deshalb bietet sich Moore an, als Ein-Mann-Armee die Welt zu erobern und alles mitzunehmen, wovon die USA profitieren können.
Die Beute seines Raubzugs sind unter anderem bezahlter Urlaub und Weihnachtsgeld (Italien), gesunde steuerfinanzierte Schulkantinen (Frankreich), kostenlose Universitäten (Slowenien), in der Verfassung verankerte Gleichstellung von Männern und Frauen (Tunesien), steuerfinanzierte Kuraufenthalte (Deutschland), straffreier Drogenbesitz (Portugal), verurteilte Banker (Island) oder offener Strafvollzug (Norwegen).
Die Kostenfrage wird einmal kurz gestreift: Steuern sind in den meisten besuchten Ländern höher als in den USA – dafür bekomme man auch mehr. Die Verschuldungsfrage ist in Moores Film kein Thema.
Es sind auch ausschliesslich Luxus- und Traditionsunternehmen (Lardini, Ducati, Faber Castell), deren CEOs im Gespräch mit Moore ganz selbstverständlich kein Problem damit haben, verpflichtende Sozialleistungen zu finanzieren.
Und während in Europa auch Auswüchse des Kapitalismus festgestellt werden, exportiert Moore diese Errungenschaften in die USA – nicht ohne darauf hinzuweisen (so viel Patriotismus muss offenbar auch für einen amerikanischen Linken sein), dass vieles davon amerikanische Ideen sind. Die eben nur irgendwann in den USA abhanden gekommen sind.

 Trailer

 

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