Sharing – nachhaltig, sozial, oder einfach praktisch?

01. 05. 2016, Mitreden!

Teilen ist nachhaltig und damit sozial und ökologisch sinnvoll, sagen die einen. – Auch nur profitorientiertes Business as usual, sagen die anderen. 

 

Benutzen statt Besitzen – das ist das Versprechen, das viele Protagonist_innen der Sharing Economy vor sich hertragen. Uber möchte das eigene Auto in der Stadt obsolet machen, Tausch- und Verleihnetzwerke setzen darauf, dass etwa 80 % der Werkzeuge in Haushalten seltener als einmal im Monat benutzt werden oder dass 80 % aller gekauften Güter nach sechs Monaten auf dem Müll landen. So betrachtet ist Sharing Economy nicht nur ein Geschäftsmodell zur Verwertung ungenutzter Ressourcen, sondern auch ein effizientes und nachhaltiges Modell zur Vermeidung von Müll und Überproduktion.

Teilen statt Wegwerfen

Das ist eine mittlerweile mehrheitsfähige Ansicht. Der „Prosumer Report“des Havas-Agenturnetzwerks ergab: 69 % der Befragten sind der Meinung, das „Überkonsum“ ein Problem für Umwelt und Gesellschaft ist, 76 % stimmten sogar zu, dass Fortschritt keine Frage von mehr Konsum sei, sondern eine von besserem Konsum.

Allerdings ist die Bereitschaft zum Sharen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Die höchste Nutzungsbereitschaft, so eine Studie der Universität Michigan, zeigt sich dort, wo Nutzung nicht mit Verzicht verbunden ist. Uber statt Taxi, AirBnB statt Hotel, oder eine Mitfahrgelegenheit zu nutzen, das ist für viele vorstellbar. Überraschenderweise meinten aber viele der in der Studie Befragten, dass sie eher Sharing-Gelegenheiten anbieten würden, als sie selbst zu nutzen. Gerade bei Gebrauchsgegenständen wie Werkzeugen ist die Angst vor Abhängigkeit offenbar nach wie vor recht groß. Unsicherheiten bei den Kosten sowie befürchtete Zeit- und Transportprobleme sind weitere Hürden.

Puristen der Sharing Economy sehen in dieser Entwicklung ein Problem. Das Netzwerk „Oui Share“, eine gemeinnützige Organisation, die sich seit 2012 mit Sharing beschäftigt, stellte ihre Versammlung vergangenes Jahr gar unter das Motto „Lost in Transition“. Die ursprünglichen Ziele und Pläne der Sharing Economy seien verloren gegangen; man befinde sich in einer Übergangsphase – denn derzeit sei Sharing auf dem besten Weg, ein Tool für die nächste Großindustrie zu werden. Die Realität habe sich von der Idee einer kollaborativen Wirtschaft ein gutes Stück weit entfernt.

Auch bei den maßvollen Konsumskeptiker_innen ist der Nachhaltigkeitsgedanke noch immer mit Sorgen um die Wirtschaftsentwicklung verbunden: Obwohl mehr als drei Viertel der Befragten des Havas-“Prosumer Reports“ Überkonsum als Problem betrachten, sind auch 52 % der Meinung, dass zu wenig Konsum Jobs gefährde. 55 % finden, dass eine gesunde Wirtschaft auf ein hohes Konsum-Level angewiesen ist. Trotzdem bedeutet „besserer Konsum“ in der SIcht der Konsument_innen vorrangig, nur zu kaufen, was man wirklich braucht. Lokale Produkte zu kaufen rangiert dabei deutlich weiter hinten.

Tauschen statt Nichtstun

Das zweite große Versprechen der Sharing Economy ist der soziale und Jobs fördernde Aspekt. Netzwerke, so der Gedanke, erhöhen nicht nur die Reichweite einzelner Angebote, sie senken auch die Transaktions- und Akquisitionskosten und erhöhen damit die Auslastung der Anbieter_innen. Jede und jeder wird Unternehmer_in und kann mit geringem Aufwand zusätzliches Einkommen erzielen. Sharing Economy wird damit zum idealen Turbo für Nebenjobs und zur Vertriebsmaschine für Dienstleister_innen, die ihre Auslastung optimieren wollen. So weit die Theorie. Uber erzählt auch gern von Fahrer_innen, die bis zu 90.000 Dollar im Jahr verdienen; im Selbstversuch berichteten Uber-Fahrer allerdings von durchschnittlichen Einnahmen von nur drei Dollar pro Stunde.

Und Kritiker_innen sehen in dieser Vision der Sharing Economy die radikalste Form von Ausbeutung: Unternehmerische Verantwortung und Risiken würden auf die Anbieter_innen abgewälzt, meint etwa der Schweizer Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner.

Wissenschaftler_innen der Universität Michigan befragten 20 Personen aus beanchteiligten Milieus der USA in einer qualitativen Studie zur ihrer Einschätzung, ob Sharing Economy-Jobs wie eben Fahrer, Teilzeit-Handwerker oder Remote-Arbeiter Alternativen zu traditionellen Jobs sein könnten. Die Vermittlung von Aushilfsarbeiten, die wenig eigene Ausstattung benötigen, wurde von den Befragten eher als Übergangslösung eingeschätzt, als sinnvoll für Personen, die schon länger keinen Job mehr hatten, oder als Zuverdienst für Pensionisten. Eine echte Alternative erkannten die Befragten nicht. Vermietung, Fahrdienste und andere Services, die eigenes Equipment voraussetzen, wurden ebenfalls eher kritisch beurteilt. Die Befragten sahen zwar durchaus Chancen, schreckten aber auch vor Investitionen und unternehmerischer Verantwortung zurück.

Dieser Einschätzung widersprechen allerdings wieder andere Studien, die die australische Sharing Economy näher unter die Lupe nahmen: Nur acht Prozent der australischen Uber-Fahrer waren arbeitslos, bevor sie bei Uber anheuerten. Sieben Prozent sind Student_innen, nur drei Prozent verdienen sich durch ihrer Fahrten etwas zur Pension. 40 % der australischen AirBnB-Angebote sind wenig genutzte Zweitwohnsitze, weitere 40% bestehen aus Räumen in der eigenen Wohnung – damit sind über 80 % der australischen AirBnB-Anbieter_innen nicht traditionell gewerblicher Natur.

Business as usual oder neue Wirtschaft?

Ist bei all dieser Skepsis, bei der sich auch die unterschiedlichsten Sichtweisen offenbar einig sind, Sharing Economy dennoch nur eine nächste große Blase? Die kommerziell erfolgreichen Geschäftsmodelle beziehen ihre Gewinne recht traditionell aus Vermittlungsprovisionen. Auch die Empfehlungen von Juho Makkonen, Mitbegründer des Oui Share-Netzwerks, für gelingende Sharing-Start-Ups unterscheiden sich kaum von traditionellen Business-Tips: Das Angebot muss ein Problem lösen, das Geschäftsmodell muss ohne große Zusatzkosten wachsen können, und das Produkt oder die Dienstleistung muss für Kund_innen ohne Aufwand nutzbar sein.

Die Faszination der Sharing Economy ist weniger auf ihre kommerziellen Best Practices zurückzuführen als auf Beispiele, die tatsächlich noch im Rahmen von Netzwerken und ohne kommerzielle Grundlage funktionieren. Ein Beispiel dafür ist die Schweizer Plattform pumpipumpe.ch: Hier können User_innen Aufkleber bestellen, die auf den eigenen Briefkasten geklebt werden, und anderen so vermitteln, was sie zu verborgen bereit sind – von der Fahrradpumpe bis zum Rasenmäher. Mittlerweile ist das Angebot auch um eine Online-Karte ergänzt: Mit einem Klick sehen suchende, welche Angebote in ihrer Nähe verfügbar sind. Pumpipumpe.ch wird in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland genutzt. Monetarisierungspläne gibt es keine, allerdings wird der Verein von Stiftungen unterstützt.

Der zweite gewichtige Trend hinter Sharing Economy ist die Ablöse von großen Organisationen durch Netzwerke. Das einfachste Beispiel dafür ist die flexible Zusammenarbeit von Freelancern oder Kleinunternehmen, die fallweise dank ihres speziellen Knowhows effizienter sein können als große Organisationen. Der politisch gefärbte Begriff hierfür ist „Collaborative Economy“ und erinnert an selbstorganisierte Kollektive früherer Arbeiterbewegungen.

Honeycomb3_highresUnternehmensberater_innen prägen daraus gerade den Begriff der Crowd Companies. Crowd Companies sind Unternehmen, die nicht mehr als nach außen geschlossene Organisationen arbeiten, sondern auf Netzwerke zu Kund_innen, Lieferant_innen und Partner_innen angewiesen sind, wobei die Rollenverteilung je nach Projekt auch wechseln kann. Im Mittelpunkt solcher Modelle stehen sogenannte „Empowered People“, die als Crowd-Investoren, Co-Creators und zugleich Kunden eine zentrale Rolle spielen. Spätestens wenn jede_r alles sein kann – risikobereite_r Investor_in, auf Konsument_innenschutz angewiesene Kund_in, Gewährleistung schuldende_r Unternehmer_in – taucht die Frage nach neuen Regulierungen auf: Nützt Sharing Economy Rechtslücken aus, agiert sie in Graubereichen und sind neue Regeln notwendig? Oder zeigen tatsächliche Veränderungen einfach, dass traditionelle Wirtschafts- und Sozialpolitik, die auf klare Fronten zwischen Unternehmer_innen, Arbeitnehmer_innen und Kund_innen setzt, schlicht den Anschluss verloren hat?

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