Rebellion ist weiblich

18. 09. 2015, Mitreden!

Wenn ­Politik auf der Stelle tritt, sind ­Alternativen ­gefragt. Was leisten ­Protest und ziviler ­Ungehorsam, das ­Regierungen und Parlamente nicht leisten?

»Eigentlich ja.« Arabelle Bernecker zögert nur kurz mit ihrer Antwort, wenn sie gefragt wird, ob Frauen die besseren Revolutionäre sind. »Sie sind sachlicher und zielstrebiger.« Moderne Rebellionen brauchen keine kurzlebigen Held_innen – sie brauchen strategische Arbeit, die viele Menschen begeistert und es ihnen leicht macht, den Widerstand zu unterstützen.

Veränderung statt Macht

In ­ihrem Buch »Schwestern der Revolution« gehen die Autorinnen Arabelle Bernecker und Susanne Glass und der Fotograf Bernd Kolb der Frage nach, wann Widerstand notwendig wird und was Widerstandsbewegungen erfolgreich macht. Dabei zeichnen sie ausschließlich Porträts von Frauen. Ausgangspunkt war die Begegnung mit einer algerischen Widerstandskämpferin – im Zuge der Recherchen wurde klar, dass sich Rebellinnen durch einige Gemeinsamkeiten auszeichnen. »Sie sind meistens mehr an der Sache interessiert, arbeiten viel im Hintergrund und haben mehr Durchhaltevermögen.« Männer dagegen scheinen mehr am Erfolg und an der Präsenz im Rampenlicht orientiert zu sein.
»Frauen kämpfen um Veränderung, Männer um die Macht«, heißt es auch gleich am Anfang ihres Buchs. »Frauen müssen keine Heldinnen sein. Sie haben nicht dieses Testosteron-Dings«, formuliert es Breza aus Serbien, eine der Protagonistinnen. »Sie stecken ihre Ziele lieber realistisch. Und sind damit oft erfolgreicher als Männer.« Breza zieht die Fäden bei CANVAS (Centre for Applied Nonviolent Action and Strategies), einer NGO, die Workshops zu Protest und gewaltfreiem Widerstand organisiert und damit Rebell_innen auf der ganzen Welt ausbildet.
CANVAS hat seine Wurzeln in der serbischen Widerstandsbewegung gegen Slobodan Milošević – einer Widerstandsbewegung, die für viele beispielgebend wurde. Ausgehend von einer elitären Student_innenbewegung unter dem Namen »Otpor!« (serbisch für Widerstand) erreichten die Proteste eine Breite, die tatsächlich den Umsturz herbeiführte. Dabei waren die Vorzeichen gar nicht die besten: Zwar lehnte die Bevölkerung Milosevic und den Krieg ab, zu Zeiten der NATO-Bombardements gab es mit der NATO aber noch einen weiteren gemeinsamen Feind, auf den sich Serb_innen und das Milošević-Regime einigen konnten.

Regimes in die Irre führen

Um so wichtiger war es, kleine, aber eindeutige Aktionen zu setzen, die nicht nur mediale Aufmerksamkeit erreichten, sondern es allen möglich machten, sich zu beteiligen – ohne sich zu sehr zu exponieren. Dazu gehören kleine Aktionen wie das Ein- und Ausschalten der Lichtschalter in der ganzen Stadt, während im Staatsfernsehen Regierungspropaganda läuft, oder smarte Inszenierungen, die die Regeln des Polizeistaats in die Irre führen. Eines der Beispiele aus dem Buch. CANVAS-Aktivist_innen stellten ein Fass mit dem Porträt Miloševićs, einen Knüppel und die Einladung, auf das Fass einzuschlagen, in der Belgrader Innenstadt ab. Die Polizei, die bald einschritt, war ratlos: Auf ein Fass einzuschlagen war nicht verboten, das Fass zu bewachen war lächerlich, das Fass abzutransportieren – also den Regierungschef im Polizeiwagen abzuführen – war noch lächerlicher. Als dann Widerstandskämpfer_innen im Staatsfernsehen als Verräter_innen und Terrorist_innen bezeichnet wurden, meldeten sich tags darauf tausende Serb_innen bei Polizeistationen, um sich als Terrorist_innen verhaften zu lassen.
»Das sind viele kleine Schritte, die es möglich gemacht haben, den Umsturz herbeizuführen. Allen war klar, dass der Widerstand Breite hat. Und auch Polizei und Militär haben erkannt, dass ihre Vorgaben fragwürdig sind – sie sind dann bei den entscheidenden Protesten, beim friedlichen Sturm auf das Parlament nicht mehr eingeschritten«, fasst Bernecker zusammen.

Wann Widerstand entsteht

Widerstand und ziviler Ungehorsam sind wichtige Formen der politischen Beteiligung, wenn auf der offiziellen politischen Bühne nichts mehr geht. Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen machen diese Grenzen schnell sichtbar. Die Geschichten aus dem Buch handeln von Krieg, Folter, Willkür und katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnissen. Europäische Rechtsstaaten sind Inseln der Seligen dagegen – lässt sich aus den Biografien trotzdem etwas für Europa lernen? »Ganz sicher«, meint Arabelle Bernecker. »Der Unzufriedenheit eine Stimme zu geben ist immer wichtig. In Europa haben wir nicht die ganz großen Menschenrechtsprobleme, wir haben wenig Ungerechtigkeiten, die eindeutig alle betreffen – das macht es schwieriger, Bewegungen mit Breitenwirkung entstehen zu lassen. Das verleitet zu Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit, und das steht einer lebendigen Demokratie im Weg.«
Die Rolle von digitalen sozialen Medien dagegen wird oft überschätzt: »Unsere Gesprächspartner_innen haben immer betont, dass es keine Facebook-Revolutionen gibt. Medien sind wichtig für die Koordination, die Aktion findet aber auf der Straße statt«, sagt Bernecker.

»Tyrannenmord reicht nicht«

Ein weiteres Problem ist oft die Zielsetzung des Protests: Was soll erreicht werden, welcher Zustand ist besser als der bekämpfte? »Der Tyrannenmord allein ist zu wenig«, meint Bernecker. Durch Rebellion allein entsteht noch kein neues System, das mussten auch die serbischen Aktivist_innen erfahren: Nach dem Sturz Miloševićs und dem Wechsel der obersten Führungsebenen sorgten die verbliebenen Netzwerke des alten Regimes schleichend dafür, dass nach einer ersten Euphorie der Veränderung vieles wieder auf alten Wegen lief.
»Der fertige Plan für ein neues System – das ist allerdings etwas, das man von einer Protestbewegung nicht erwarten kann«, erklärt Bernecker. Erst geht es darum, Probleme aufzuzeigen, verstehen zu lassen, dass diese nicht selbstverständlich sind und dass neue Wege denkbar sind. Die konkrete Organisation der neuen Wege ist allerdings etwas, das ein neues politisches System leisten muss.
Gegenüber diesem Erwartungsdruck verlieren aber viele politische Bewegungen ihren Glanz. Die Occupy-Bewegung erreichte mit Kapitalismuskritik und spontanen Aktionen in den ersten Jahren der großen Finanzkrise viel Aufmerksamkeit, als dann allerdings Fragen nach konkreten Zielen und Alternativen zum Kapitalismus gestellt wurden, ging viel von der bis dahin erreichten Zugkraft verloren. Bernecker: »Fairerweise muss man sagen, dass sich die wirklich dramatischen Folgen von Ausbeutung und Profitmaximierung gar nicht so sehr in Europa und in den USA zeigen. Diese Distanz macht es schwer, ein klares Profil und konkrete Aktionen zu entwickeln.«

Multimediale Rebellion

Trotzdem nimmt die Dichte kritischer Bürger_innenbewegungen zu. Globale Themen, gute Vernetzung und schnelle Kommunikation sind Faktoren, die Protest erfolgreicher machen. Die aus dem Iran stammenden Wiener Filmemacher Arash und Arman Riahi sammelten mit ihrem Film »Everyday Rebellion« filmische Porträts weltweiter Widerstandsbewegungen und finanzierten via Crowdsourcing ein Online-Portal, das Informationen, Anleitungen und Erfahrungsberichte zum zivilen Widerstand sammelt. Die Storys im Film reichen von Occupy in den USA und Spanien über Griechenland und die Türkei bis nach Syrien und in den Irak. Online werden die Geschichten weitergeführt. Beiträge beschäftigen sich mit kreativen Protesten gegen Nazis in Deutschland, mit der Besetzung des öffentlichen Raums in Istanbul oder mit spanischen Protesten gegen die Folgen der Finanzkrise.

Rebellions-Tutorials

Die Webseite sammelt neben den Protest-Storys auch Anleitungen und Tipps für den Widerstand. Dazu gehört etwa eine von Amnesty International entwickelte, als Taschenrechner getarnte Smartphone-App, die auf Knopfdruck Notfallsnachrichten an vordefinierte Kontakte schickt, oder das von den Schweizer Künstlern Christoph Wachter und Mathias Jud entwickelte Kommunikationsnetzwerk qaul.net, mit dem sich Netzsperren umgehen lassen.
Srdja Popović, das öffentliche Gesicht von CANVAS, erklärt in einer eigenen Miniserie die Grundzüge des kreativen gewaltfreien zivilen Ungehorsams. Der wichtigste Punkt dabei: Humor – auch wenn die Situation manchmal nicht zum Lachen sein mag: »Humor ist ein Angstbrecher.« Und Reaktionen wie Lachen sind ein ­erster Schritt in Richtung Beteiligung.