Opposite the Editorial: Österreich braucht jedes Kind

04. 12. 2014, Mitreden!

Ein Magazin  für »Mitgestalter_innen« also. Das ist gut. Anfangen mit dem Mitgestalten könnten wir bei den Schulen.

Als Journalistin hat man es ähnlich leicht wie als Oppositionspolitikerin. Man interessiert sich für ein Thema, hat ein paar Ideen, wie das, was ist, besser werden könnte. Bloß kommt man meistens nicht dazu, es auch umsetzen zu müssen. Weil man nämlich nicht an der Macht ist. Sondern bloß am Schreibtisch. Oder auf der Oppositionsbank im Parlament. Speziell im Bildungsbereich war es in den vergangenen Jahren ganz besonders leicht (und risikofrei), irgendetwas zu fordern. Angesichts der notwendigen Zweidrittelmehrheit und angesichts der einbetonierten Fronten zwischen den beiden Regierungsparteien war stets von vornherein klar, dass sich – egal, wie viel man sich vornimmt – nichts, aber auch gar nichts bewegen wird.

Für Populist_innen (die es sowohl in der Politik als auch im Journalismus gibt) war Bildung deswegen stets ein dankbares Feld. Für Menschen, die tatsächlich gestalten wollten, hingegen ein Quell steter Frustration. Man schaut dem ersten Kind zu, wie es eine Schulstufe nach der anderen absolviert. Man ist fest davon überzeugt, dass die Jahre, fürs Kind und für einen selber, lustvoller und sinnstiftender verbracht werden könnten, aber man hofft und fordert und wartet halt noch ein Jahr und noch eines. Und dann ist das Jüngste auch schon fast fertig, und man weiß: Für die eigenen wird sich eine grundlegende Änderung des Systems wohl nicht mehr ausgehen. Aber für die anderen. Und für die Enkel. Man ist ja nicht allein auf der Welt.

Jedes Kind

Deswegen haben einige Ungeduldige – Eltern, Lehrer, Nachbarinnen, Unternehmer, Mitgestalterinnen – »jedesKIND« gegründet, eine überparteiliche Bildungs-NGO. Wir wollen: Eine Schule, die Kinder nicht nach ihren Defiziten beurteilt und auseinandersortiert, sondern ihre Talente individuell fördert. Eine Schule, die wertschätzt und ermutigt und beflügelt. Eine Schule, die kein Kind zurücklässt, ehe es nicht erfahren hat, was es kann, was es will und was es mit seinem Leben anfangen soll.

»Leave No Child Behind«, sagte einst der konservative US-Präsident George W. Bush dazu. Eine solidarische Schule ist nämlich kein Gutmenschen-Projekt. Es ist eine ökonomische Notwendigkeit. Ein Land, das im Wettbewerb bestehen will, muss all seine Ressourcen nutzen. Österreichs Wirtschaft braucht die Talente aller seiner Kinder. Auch jener Kinder, die das Pech haben, bei bildungsfernen, desinteressierten, überforderten oder schwachen Eltern aufzuwachsen.

»Jedem Kind die Flügel heben« war einer der ersten PR-Sätze von Matthias Strolz. Die Forderung nach Autonomie für die Schulen war eine der ersten Forderungen der NEOS. Autonomie ist gut – aber sie ist nur die Hälfte der Geschichte. Autonomie allein würde alle aktuellen Probleme unseres Schulsystems noch verschärfen, deren wichtigstes die soziale Undurchlässigkeit ist.

Wenn autonome Schulen miteinander in Wettbewerb treten, um die besten Lehrer_innen, um die besten Schüler_­innen, um die meisten Ressourcen, ist klar, wem das am meisten nützt: Jenen, die ohnehin die besseren Voraussetzungen haben. Es wird die »guten« Schulen geben, mit den besten und bestbezahlten Lehrer_innen, den attraktivsten Räumlichkeiten, den ambitioniertesten Lehrplänen, dem reichsten Elternverein. Dort wird ein Gedränge um Schulplätze herrschen, das jene gewinnen, die mehr Information, mehr Status, mehr Zeit, mehr Durchsetzungskraft mitbringen. In den anderen Schulen, den Verliererschulen, werden all jene Schüler_­innen und Lehrer_innen unter sich bleiben, die sonst niemand ­haben will. So schafft man Horte der Frustration. Und lehrt die Kinder eine verheerende Botschaft: Nein, auf eure Leistung kommt es gar nicht an. Sondern auf die Leistung eurer Eltern. An der ihr jedoch nichts, aber auch gar nichts ändern könnt.
Autonomie an der Basis ist also super. Aber nur in Kombination mit einer verlässlichen Struktur, die das große Ganze im Blick behält. Die dafür sorgt, dass die besten Lehrer_innen den schwierigsten Kindern zur Verfügung stehen. Dass jene in der Schule den meisten Platz bekommen, die zu Hause am wenigsten Platz haben, und genau dort die meisten Ressourcen landen, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Wir brauchen radikale Individualisierung an der Basis, Freiheit und Autonomie für Lehrer_innen und Schüler_innen im Schulalltag. Plus, gleichzeitig, mehr Verantwortung und Mut an der Spitze: Das wäre eine Schulreform, die tatsächlich jedem Kind zugutekommt. Und Österreich. Weil Österreich jedes Kind braucht.

 

Fotos: Heinz Tesarek, Jacqueline Godany