Mehr als nur ein Klassenzimmer

18. 09. 2015, Mitreden!

­In Wien entstehen neue Campus-Schulen, die unterschiedliche Schulstufen und Freizeitangebote an einem Ort vereinen. Bildungs­politik und Lehrer_innenausbildung hinken den Ideen für die gemeinsame Schule allerdings hinterher.

Text: Susanne Wolf
Fotos: Manfred Seidl, Votava

Wien, Nordbahnhofgelände: Der Campus Gertrude Fröhlich-Sandner war 2010 eines der ersten Wiener Campusmodelle. Hier werden Kindergarten, Volksschule und Freizeitgestaltung in Form einer ganztägigen Betreuung mit verschränkten Unterrichts- und Freizeiteinheiten angeboten: In der Zeit von 8 Uhr bis 15.30 Uhr wechseln sich Lerneinheiten und Freizeitangebote ab, darüber hinaus gibt es bei Bedarf ein Betreuungsangebot von 6.30 bis 17.30 Uhr.
Für die Schüler_innen sind neben dem Unterricht Bewegung, soziale Kontakte, ein gemeinsames Essen und Freizeitangebote wie Sport oder Musik Bestandteil der Ganztagsbetreuung. Kindergartenkinder, die in die Volksschule wechseln, bekommen Schulkinder an ihre Seite gestellt, die sie unter ihre Fittiche nehmen. »Ich habe mein Patenkind Sofie am Ende der dritten Klasse kennengelernt«, erzählt die Viertklässlerin Amelie. »Wenn sie Fragen hat, weiß sie, dass sie zu mir kommen kann.«
Campusmodelle sind Schulen mit mehr als nur Klassenzimmern: An einem Ort werden unterschiedliche Bildungsstufen und Freizeitangebote kombiniert. Dadurch wird Schüler_innen der Übergang vom Kindergarten in die Volksschule und weiter in die Mittelschule erleichtert. Ganztagsbetreuung wird leichter möglich und Eltern werden entlastet. Kritiker_innen sehen allerdings Probleme, wenn die Lehrer_innenausbildung nicht auf die übergreifende Betreuung ausgerichtet ist und wenn nicht ausreichend unterschiedliche Schulformen eingebunden werden.

Grafik-Campusmodelle

Integration am Campus

Ein Blick in die Schulklassen des Campus am Nordbahnhof zeigt einen multikulturellen Querschnitt der Wiener Bevölkerung, Deutsch mit starkem Akzent ist genauso vernehmbar wie wienerischer Einschlag. Die Kinder arbeiten gerade an ihrem Wochenplan, Aufgaben aus Mathematik und Deutsch müssen innerhalb einer Schulwoche erledigt werden. Die Atmosphäre ist entspannt, ein paar Kinder kauern in der Sitzecke am Boden, andere wechseln die Plätze, um mit Freund_innen gemeinsam zu arbeiten. Neben der Lehrerin kümmert sich auch eine Begleitlehrerin um die Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache. Integration wird hier am Campus großgeschrieben: Auf zwei Klassen kommt eine Begleitlehrerin oder ein Begleitlehrer, die Förderunterricht in Deutsch anbieten. »Die Ganztagsschule bietet einen großen Vorteil für Kinder mit Migrationshintergrund«, ist Direktorin Ingrid Fischer überzeugt. »Hier verbringen sie mehr Zeit mit anderen Kindern und sprechen dadurch auch mehr Deutsch.« Die Bildungsministerin ist ebenfalls eine Verfechterin der Ganztagsschule. »Auch für Eltern bedeutet mehr Schule mehr Lebensqualität«, sagt Gabriele Heinisch-Hosek. »Sie können Beruf und Familie besser vereinbaren und wissen, dass ihre Kinder bestens betreut sind und Hausübungen möglichst schon in der Schule erledigt werden.«

Campus Donaufeld 3 - Votava

Multifunktionale Klassen

Ein wesentlicher Aspekt des Schulunterrichts am Campus ist auch das »Personalized Learning«: Die Schüler_innen sollen einen persönlichen Zugang zu den Lerninhalten finden und sich die Bedeutung der Lernerfahrungen selbst erschließen. Dabei geht es nicht nur um die Erreichung vorgegebener Bildungsziele, sondern auch um die Entfaltung der Persönlichkeit. Pädagogische Methoden wie Montessori, Freinet, Tutor_innensysteme oder Stationenbetrieb kommen dabei zum Einsatz.
In Wien gibt es bereits fünf Campuseinrichtungen, neun weitere sind nach dem neuen »Campus plus«-Modell geplant. »Ziel ist, dass Kindergarten und Schule noch stärker als bisher zusammenwachsen und der Übergang für Kinder und Eltern erleichtert wird«, erklärt der Wiener Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch. Zu diesem Zweck sollen vier Schulklassen und zwei Kindergartengruppen räumlich zusammenrücken: Sie werden auf einer Ebene zu Bildungsbereichen mit multifunktionalen Räumen zusammengefasst. »Es wird Partnerklassen und gemeinsame Projekte für Schüler und Kindergartenkinder geben«, ergänzt Oxonitsch. Die Kinder halten sich dabei nicht zwangsläufig in ihrem eigenen Klassen- oder Gruppenraum auf, sondern können sich frei bewegen und selbstständig eine andere Gruppe besuchen. »Die Schulglocke wird nur noch zu Beginn und am Ende des Schulunterrichts läuten, die Übergänge zwischen den einzelnen Schulstunden werden fließend gestaltet.« In den Bildungsbereichen sollen jeweils auch eine Klasse für Kinder mit Behinderungen und eine heilpädagogische Kindergartengruppe untergebracht sein. Jeder »Campus plus« wird gemeinsame Bereiche für Sport, Kreativität, Therapie und Verwaltung vereinen. Neu ist auch, dass externe Bildungspartner_innen eingebunden werden: So sollen vor allem die Musikschulen der Stadt Wien oder Sportanbieter_innen sowie Jugendzentren in den neuen Campus integriert werden. Dabei ist auch die Mehrfachnutzung von Räumen das Ziel. »Ein Speisesaal wird pro Tag eineinhalb Stunden besucht. Da ist es doch sinnvoll, wenn man den Raum in der Zwischenzeit beispielsweise für die Musikschulen freigeben kann«, meint Oxonitsch.
Am neu eröffneten Campus Hauptbahnhof wurde erstmals neben Kindergarten und Volksschule auch eine Neue Mittelschule eingerichtet; Ziel ist es, auch an den anderen Campusstandorten eine Mittelschule anzubieten und so den Übergang von der Volksschule zu erleichtern.
Damit holen die öffentlichen Schulen in Wien nach, was Freie Schulen schon seit einiger Zeit vorleben. Der Montessori Campus Wien Hütteldorf etwa bietet die durchgängige Ausbildung von Kindergruppen bis zu einem der Matura entsprechenden Diplom (eine größere Reportage dazu gab es in der Mut-Ausgabe 1/2014). Der Unterschied zu den öffentlichen Schulen: Schulen in freier Träger_innenschaft entscheiden selbst über pädagogische Modelle, über die Unterrichtsgestaltung und über die Personalauswahl. Sie bezahlen diese Freiheit mit dem Verzicht auf staatliche Förderungen. Dafür können sie sicherstellen, dass die Zusammenarbeit zwischen den Lehrer_innen und die Unterrichtsgestaltung so organisiert sind, dass der Austausch über die Schulstufen hinweg funktioniert. Wie das – ohne weitere Begleitmaßnahmen – bei öffentlichen Campusmodellen funktionieren soll, bleibt abzuwarten: Elementarpädagog_innen, Volkdschullehrer_innen und Mittelschullehrer_innen durchlaufen unterschiedliche Ausbildungsmodelle, Lehrpläne sind nicht aufeinander abgestimmt, in Kindergärten de facto nicht vorhanden. »Die Ausbildung von Elementarpädagog_innen legt kaum Augenmerk auf die Früherkennung und Frühförderung von Talenten«, meint etwa Raphaela Keller, Vorsitzende des Berufsverbands der Kindergarten- und Hortpädagog_innen. Dadurch geht viel Potenzial verloren – und damit bliebe auch die bessere Integration verschiedener Schulstufen bloße Theorie: Das räumliche Nebeneinander erzeugt noch kein Miteinander.

Campus Sonnwendviertel 2 - Votava

Lehrer_innenausbildung hinkt hinterher

Österreich, Deutschland und Ungarn sind die einzigen Länder innerhalb der OECD, in denen die gemeinsame Schule nur vier Jahre dauert, in den meisten Ländern dauert sie acht Jahre oder mehr. Laut einer Studie des Instituts für Bildungsforschung in der Wirtschaft (IBW) garantiert die Umstellung auf ein Gesamtschulsystem alleine jedoch noch keine besseren Schüler_innenleistungen. Es komme auf die konkrete Ausgestaltung der Gesamtschulsysteme in Bereichen wie innere Differenzierung oder individualisierter Unterricht an, ob gute Schüler_innenleistungen erzielt werden. »Wesentlich sind die Lehrpersonen, die in einer fundierten Ausbildung auf den Beruf bestmöglich vorbereitet werden und die sich laufend weiterbilden«, stellt die Vorarlberger Bildungslandesrätin Bernadette Mennel klar. Vorarlberg nimmt in Österreich eine Vorreiterrolle auf dem Weg zur gemeinsamen Schule ein. In den kommenden acht bis zehn Jahren soll das Schulsystem auf eine gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen umgestellt werden. »Die Bildungswegentscheidung mit zehn Jahren ist zu früh«, meint Bernadette Mennel. »Die Noten der Volksschule sind nur bedingt geeignet, eine so weitreichende Entscheidung zu treffen.« Mennel kritisiert, dass der Bildungsweg in die Sekundarstufe derzeit zu sehr vom Bildungshintergrund und vom Wohnort der Eltern abhänge. »Mein Ziel ist eine Schule, in der alle Kinder entsprechend ihren Fähigkeiten zu guten Leistungen geführt werden.«
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg dorthin: »Lehrpersonen der Sekundarstufe I werden ab 2021 eine gemeinsame Ausbildung für die Altersgruppe der 10- bis 14-Jährigen bekommen«, sagt Mennel.

Schulautonomie als Voraussetzung

Eine weitere wichtige Grundlage ist Entscheidungsfreiheit an den Schulen: Wo auch pädagogische Details zentral vorgegeben sind, können Potenziale nicht genutzt werden. Schulautonomie, also die Möglichkeit, Personalentscheidungen und Budget- sowie Lehrplanentscheidungen direkt vor Ort zu treffen, ist eine wichtige Voraussetzung, um den Unterricht auf die Schüler_innen abzustimmen.
Heidi Schrodt, ehemalige AHS-Direktorin und Gesamtschulbefürworterin, ist überzeugt, dass die Lehrer_innen vor Ort über die Unterrichtsform und -einteilung entscheiden können sollten. »Wenn man die gemeinsame Schule einführt und sie nicht mit neuen Inhalten füllt, ändert sich gar nichts«, so Schrodt. »Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man die Lehrerausbildung massiv verbessert.« Zudem könne nur eine Ganztagsschule eine gute gemeinsame Schule sein, ist die Bildungsexpertin überzeugt.
Ausschlaggebend für die Entscheidung zur gemeinsamen Schule in Vorarlberg war ein Forschungsprojekt, an dem 30 Fachleute zweieinhalb Jahre gearbeitet haben. Rund 19.500 Lehrer_innen, Eltern und Schüler_innen nahmen an einer Befragung teil, 1,8 Millionen Einzeldaten zum Ist-Zustand der Schule und zu Weiterentwicklungs- und Änderungswünschen wurden gesammelt und aufbereitet. »Im Kern wird für das Bundesland Vorarlberg mittelfristig die Einrichtung einer gemeinsamen Schule von der 5. bis zur 8. Schulstufe auf der Basis von Individualisierung bzw. Personalisierung und innerer Differenzierung empfohlen«, so Mennel. Das Forschungsprojekt empfiehlt vorbereitende Maßnahmen wie Individualisierung und innere Differenzierung, gemeinsame Ausbildung der Lehrpersonen, mehr Schulautonomie, zusätzliche Mittel und Personal für Schulen mit besonderen Herausforderungen sowie die Intensivierung der Elternzusammenarbeit.
Ganztagsschulen, wie sie Bildungsexpertin Heidi Schrodt fordert, sind aber auch in Vorarlberg noch ein Minderheitenprogramm. Knapp zehn Prozent der Schüler_innen sind hier in Ganztagsbetreuung, österreichweit sind es nur zwei Prozent. Das Bildungsministerium kündigt an, mehr Geld zur Verfügung zu stellen – Änderungen müssten derzeit aber noch von den Ländern umgesetzt werden.

Kompetenzdschungel bleibt

Entscheidungen werden im österreichischen Bildungssystem nicht immer bundesweit getroffen: Für Pflichtschulen und Mittelschulen sind die einzelnen Länder zuständig, für Gymnasien und Oberstufen der Bund. Ein Großteil der Neuerungen im Bildungsbereich bleibt daher Aufgabe der Länder. Die Schulen selbst haben bei der Gestaltung des Unterrichts und beim Einsatz der Budgets wenig mitzureden. Ohne Schulautonomie bleiben für sie die mit hohem bürokratischen Aufwand verbundenen Schulversuche der einzige Bewegungsspielraum, um auf konkrete Bedürfnisse ihrer Schüler_innen einzugehen.
Schulversuche sollten allerdings echte Reformen nicht ersetzen: »Österreichs Schulversuche sind zu zahlreich, um sie zu überblicken«, kritisiert der Rechnungshof in einem Bericht und empfiehlt eine Reduktion. Die Prüfer_innen erweisen sich dabei auch als Verfechter_innen von mehr Schulatutonomie: »Schulversuche wurden nicht nur zur Erprobung von Schulentwicklungsmaßnahmen, sondern auch aufgrund zu geringer schulautonomer Möglichkeiten durchgeführt«, heißt es in dem Bericht weiter. Gleichzeitig bemängeln die Prüfer_innen, dass viele Schulversuche nicht wissenschaftlich evaluiert bzw. zum Teil Alternativvarianten gar nicht erprobt würden. Umgekehrt wurden aber Versuche, wie etwa jene zur Neuen Mittelschule (NMS) oder zur Zentralmatura, ohne vorherige Evaluation ins Regelschulwesen übernommen.
»Wenn die Schulen mehr Gestaltungsfreiraum bekommen, wie wir das aktuell in der Bildungsreformkommission diskutieren, wird es in Zukunft deutlich weniger Schulversuche geben«, sagt die Bildungsministerin dazu. Ende vergangenen Jahres teilten die Regierungsparteien mit, Neuerungen bei der Schulautonomie einführen zu wollen. »Schulen sollten die Möglichkeit haben, bei der Schulleitung, bei Ressourcen, aber auch bei der Zeitautonomie mitzureden. Die 50–Minuten-Stunde muss nicht mehr das Maß aller Dinge sein«, sagte Heinisch-Hosek damals. Im Rahmen der Bildungsreformkommission wird nun an diesen Fragen gearbeitet, die Ergebnisse werden am 17. November 2015 vorgestellt. – Wenn es denn Ergebnisse gibt. Zuletzt hatten die Landeshauptleute Pröll und Niessl die Kommission platzen lassen: Es sei dort nicht nach ihren Vorstellungen gegangen …

Beate Meinl-Reisinger

Beate Meinl-Reisinger

NEOS Familiensprecherin

Der Übergang zwischen Kindergarten und Volksschule ist besonders wichtig und derzeit mehr als ruppig. Kindergartenpädagog_innen dürfen sich nicht einmal mit den Volksschullehrer_innen über die Stärken und Schwächen der Kinder austauschen. Eine Förderung von Talenten oder der Fokus auf Schwächen ist so nicht möglich. Damit ist klar: Diese Zusammenarbeit muss neu gestaltet werden. Denn was wir bei der elementaren Bildung nicht schaffen, können wir danach nur schwer »reparieren«. Wer mit 15 Jahren nicht gut lesen kann, konnte es auch nicht mit zehn. Was es braucht, ist ein durchgängiges pädagogisches Konzept – am besten unter einem Dach – für alle drei- bis zehnjährigen Kinder. Investitionen sind hier dringend nötig. Konkret muss die Volksschule finanziell gestärkt werden – für Volksschulen wird bei den Pro-Kopf-Ausgaben mit 7.000 Euro am wenigsten aufgewendet – bei der AHS sind es 8.700 Euro, bei der Neuen Mittelschule sogar 10.700 Euro. Die Volksschule zu stärken bedeutet, die Kinder zu stärken und ihnen durch positive Schulerfahrungen in den ersten Jahren das Handwerkszeug für lebenslanges Lernen mit auf den Weg zu geben. – Gerade Wien benötigt im Bildungssystem einen echten Neustart und nicht nur PR-Pflaster auf klaffende Wunden. Das Campusmodell ist aktuell nicht viel mehr als ein Konzept ohne Inhalt. Ohne einheitlichen pädagogischen Rahmen und ohne Schulautonomie kann es nicht funktionieren. Machen wir Wien zu einer Modellregion für die autonome Schule, in der wir Bildung von drei bis zehn Jahren in einem denken. Dazu braucht es auch einen One-Stop-Shop in der Verwaltung für alle Bildungseinrichtungen.