„Löhne rauf!“ – Junge und Frauen sind die Verlierer

30. 03. 2016, Mitreden!

Gehälter sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Gerade Junge und Frauen haben von der Gehaltsentwicklung aber am wenigsten profitiert. Die stärksten Gehaltszuwächse haben Männer jenseits der 60 verzeichnet. 

 

Es war eine der häufigsten Forderungen – rund um die Steuerreform im vergangenen Jahr und rund um die dann doch eher im Sand verlaufende Pensionsreform im Februar dieses Jahres. Wir brauchen höhere Löhne, das wäre die Antwort auf alle Krisen des Konsums und der Wirtschaft und die Lösung für das ins Schleudern geratene Pensionssystem. Wer mehr verdient, kann mehr ausgeben und mehr ins (Pensionsversicherungs)System einzahlen.
Das ist ja grundsätzlich nicht falsch. Die Frage ist nur: Woher soll das Geld für höhere Löhne kommen? Und bevor diese Frage gestellt wird, wäre noch eine andere zu stellen: Wie haben sich die Löhne eigentlich tatsächlich in den letzten Jahren entwickelt?
Die erste Frage wird oft mit dem Hinweis auf steigende Unternehmensgewinne beantwortet,  die sich schneller entwickeln als Gehälter. Unternehmensgewinne wachsen allerdings nicht nur durch Steueroptimierung (gerade Einzelunternehmer_innen, die den überwiegenden Anteil der Unternehmen in Österreich ausmachen, stehen hier kaum Möglichkeiten offen), sondern vor allem durch Zurückhaltung bei Investitionen. Das erhöht kurzfristig den Gewinn, ist langfristig aber riskant für die Geschäftsentwicklung. In der Regel – nachdem ja auch Kollektivverträge greifen – ist hier auch wenig Spielraum für Einsparungen auf dem Rücken von Arbeitskräften. Andere Fronten, wie etwa Lohnnebenkosten, öffnen da mehr Spielraum bei den Gehältern.
Bleibt die zweite Frage: Wie haben sich Gehälter in den letzten Jahren tatsächlich entwickelt? Eine der verlässlichsten und detailliertesten Quellen dazu ist die Verdienststrukturerhebung der Statistik Austria, die Bruttostundenverdienste erhebt und vergleicht. Die Verdienststrukturerhebung wird alle vier Jahre durchgeführt, die Datensammlung und Aufbereitung nimmt etwa zwei Jahre in Anspruch. Die nächsten Ergebnisse (für 2014) werden im Juli 2016 veröffentlicht. Wir waren trotzdem neugierig und haben uns die Ergebnisse der letzten Jahre angesehen.
Die Kernaussagen der letzten Erhebung 2010:
  • Im Vergleich zur Erhebung 2006 sind Bruttostundenlöhne nominal durchschnittlich um 11,4% gestiegen.
  • Höhere Löhne sind stärker gestiegen als niedrige.
  • Dienstleistungslöhne sind langsamer gestiegen als Löhne im produzierenden Bereich.
Das entspricht dem langfristigen Trend über die letzten Erhebungen seit 2002 hinweg; was aber besonders ins Auge sticht, ist die Entwicklung nach Altersgruppen: Junge und Ältere stechen besonders hervor. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen: Am stärksten sind die Gehälter der über 60-Jährigen gewachsen, am langsamsten jene der 15- bis 19-Jährigen und der 20- bis 29-Jährigen. Der Zuwachs bei den Älteren mag darauf zurückzuführen sein, dass nur jene im Job bleiben, für die es sich auszahlt; die praktisch ausbleibende Entwicklung bei den Jüngeren ist wohl ein Problem: Mit einem Plus von 1,3% (15-19) bzw. 2,34% (20-29) haben sie (bereinigt um den Verbraucherpreisindex) nicht einmal ein Drittel der Zuwächse erzielt, die 30- bis 49-Jährige verbuchen konnten.
Das Einkommen der über 60-Jährigen ist zuletzt langsamer gewachsen; der Schwerpunkt hat sich zu den 30- bis 49-Jährigen hin verlagert. Die Jüngsten mussten zwischen 2002 und 2006 real sogar Einbußen hinnehmen, haben dafür zuletzt etwas mehr zugelegt. Am Ender der Zuwachsskala treffen sie sich jedenfalls mit den 50- bis 50-Jährigen, deren Stundenlöhne ebenfalls nur wenig zulegen konnten.
Frauen haben gerade zuletzt höhere Gehaltszuwächse erzielt als Männer – allerdings aus einer deutlich schlechteren Startposition. 2010 lag der Bruttostundenverdienst von Frauen um 21,1% unter dem der Männer, 2006 waren es noch 22,7%. Zudem steigen die Einkommen von Frauen nur bis zur Gruppe der 30- bis 39-Jährigen – danach stagnieren sie und sinken ab dem Alter von 50 deutlich.
Im EU-Vergleich zeigt sich ebenfalls, dass in Österreich jüngere Altersgruppen benachteiligt sind. Während die Bruttostundeneinkommen der bis 29-Jährigen im oder knapp unter dem EU-Durchschnitt liegen (sowohl in absoluten Zahlen als auch was das Wachstum betrifft), lassen die über 50-Jährigen den Rest Europas deutlich hinter sich. (Zu beachten ist: Der EU-Durchschnitt 2002 berechnet sich aus den damaligen EU 25, ab 2006 sind es die EU 27 inklusive Bulgariens und Rumäniens. 2002 lag Österreich bei den bis 39-Jährigen unter dem EU-Durchschnitt, bei den bis 29-Jährigen auch noch 2006.)
Fazit: Löhne sind gestiegen. Den bisher Benachteiligten und jenen, die noch am längsten (und damit meisten) in Pensionsversicherungssysteme einzahlen müssen, hat das bis dato am wenigsten gebracht.