Krise ist langweilig

24. 06. 2014, Mitreden!

Die Redaktion des freien Online-Mediums paroli-­magazin.at sammelte per Crowdfunding Budget für einen Trip durch Europa und gestaltete das Multimedia Magazin kopfoderzahl.eu. In Zeiten der Krisenstimmung begegnete das Team Europäer_innen, die einfach leben. Ein persönlicher Nachbericht.

»Noch nie hatten junge Europäer so wenig Perspektive, noch nie so viele Möglichkeiten.« Mit diesen Worten beginnt die Dokumentation über unsere Reise nach Europa. Wir haben jene Menschen kennengelernt, die von Expert_innen so gern als Generation Krise, Generation Weichei, Generation X, Y und Z klassifiziert werden. Wir haben dem jungen Europa Besuch abgestattet, bei ihm gewohnt, uns in sein intimstes Umfeld begeben, um herauszufinden, was es wirklich bewegt. Wir haben fast jedes europäische Land besucht und sind mit über 60 Videos und Hunderten Fotos zurückgekehrt. Das Ergebnis hat uns dann selbst ein bisschen überrascht: Familie, Freiheit, Erfolg, Engagement, Gemeinschaft und Sicherheit – zu diesen Kapiteln konnten wir das Erzählte letztlich zusammenfassen. Von krisengebeutelter Generation, der alles egal ist, ist keine Spur erkennbar. Es sind die traditionellen Werte, die junge Menschen tief drinnen beschäftigen.

Diagnose mit Folgen

1-unten-Martin-Stockholm-swDer große hagere Mann empfängt uns vor einem kleinen Shop. Hier in Stockholm gibt es viele solcher Läden, doch dieser stellt sich als etwas Besonderes heraus. Als er seine ganz persönliche Geschichte erzählt, blickt Martin mit seinen graublauen Augen ernst in die Kamera. Über seinem Kopf leuchtet in neongrünen Lettern das Wort »Juice«. »Ich habe mit dem Saftpressen begonnen, weil bei mir Multiple Sklerose diagnostiziert wurde.« Er wird kein Wort mehr über seine Krankheit verlieren, sondern sich umdrehen und auf den Kassenschlager seines Shops zeigen, auf den grünen Saft, der seiner Beschreibung nach einem flüssigen Salat gleicht. Aktuell beschäftigt er drei Mitarbeiter_innen, davon zwei in Vollzeitstellen. Der Saft in normaler Größe kostet 60 Kronen, das sind knapp sieben Euro. »Eigentlich noch wenig für das, was wir reintun. Aber wenn ich weiter Säfte verkaufen kann, werden wir einen guten Frühling haben.«

»Wer, wenn nicht wir?«

2-unten-Martin-Markt-Allhau-swEin anderer Martin lebt in Österreich,  in Markt Allhau im Südburgenland. »Ich bin gerne Bauer, weil man zu einem großen Teil selbst entscheiden kann, was man tut.« Die Familie Koch betreibt hier eine Milchviehwirtschaft mit 40 Milchkühen und Nachzucht. Mit seinen Eltern und seinem Bruder teilt Martin sich die Stallarbeit, auch bei den anderen Arbeiten packen alle gemeinsam an. »Wer soll die Kulturlandschaft pflegen, wenn nicht wir Landwirte? Mit öffentlichen Geldern könnten wir das niemals bezahlen. Die Leute kommen nur, weil es so ausschaut, wie es ausschaut«, sagt Martin bestimmt in unsere Kamera. Er hat das Bauerndasein nie infrage gestellt. Für den jungen Mann ist es eine Herzenssache, die historisch gewachsene Landschaft hochzuhalten und weiter zu pflegen. »Wenn man reine Landwirtschaft betreiben möchte, gibt es Regionen auf der Welt, wo das sicher einfacher möglich ist, aber hier habe ich meinen Hintergrund, die Verwandtschaft, Freunde, das ganze Umfeld.« Deshalb engagiert er sich.

Manche Freunde gehen weg

3-unten-Domenica-RzeszówEine weitere Station führte uns nach Polen, in die Stadt Rzeszów im Südosten des Landes. »Diese Region ist arm, wir haben eine hohe Arbeitslosenquote«, sagt Domenica, die Studentin mit dem frechen Kurzhaarschnitt. »Aber wir haben Aviation Valley und ich möchte in dieser Branche arbeiten.« Dabei lächelt sie bis über beide Ohren. Unter dem Namen Aviation Valley haben sich Betriebe, Forschungszentren sowie Bildungseinrichtungen angesiedelt. Manche von Domenicas  Freund_innen wandern ins Ausland, um zu arbeiten, weil dort die Jobmöglichkeiten und die Lebensqualität besser sind. »Ich möchte hier bleiben, weil meine Familie hier ist. Und ich hoffe, dass der Flugverkehr steigt und sich dadurch viele Jobs ergeben.« Ohne das Wort Krise in den Mund zu nehmen, haben wir uns auf die Reise gemacht. Das Ergebnis: Geschichten von 76 jungen Europäer_innen, die das Wort Krise selbst auch nicht in den Mund nehmen. Conclusio: »Noch nie war das junge Europa so unterschiedlich, noch nie waren wir so gemeinsam.«

 

(Fotos: (c) paroli-magazin.at)