Kinderleicht?

04. 12. 2014, Mitreden!

Kindergärten sind in Österreich eher Aufbewahrungs‐ denn Bildungseinrichtungen. Obwohl alle einig sind, dass frühe Förderung wichtig wäre.

Text: Susanne Wolf
Fotos: Heinz Tesarek, Monika Nutz

Emil hüpft begeistert durch den Raum. Der Bewegungsraum im Montessori-Haus in Wien-Landstraße bietet reichlich Platz für den Tatendrang des Dreijährigen. Nebenan knetet eine Pädagogin mit zwei Kindern Plastilin, eine andere begleitet ein Kind in den Hof. »Uns ist es wichtig, viel Raum für Bewegung und die kreative Entfaltung der Kinder anzubieten», erklärt Brigitte Putz, Leiterin des Montessori-Hauses. Einmal pro Woche fahren die Kinder mit ihren Betreuerinnen auf die Steinhofgründe, um Waldluft zu schnuppern, zweimal im Jahr gibt es eine ganze Waldwoche.

Kindergärten und -krippen sind in Österreich sehr unterschiedlich: Es gibt keine bundesweiten Regelungen für die Kleinkinderbetreuung. Immer wieder wird Kritik an der langen, aber nicht akademisch qualifizierten Ausbildung von Kindergärtner_innen laut, und, so Pädagog_innen: Kindergärten werden in Österreich noch immer eher als Aufbewahrungsstätte denn als Bildungseinrichtung gesehen.

Die wichtigste Person

Im Montessori-Haus kommt auf sechs bis zehn Kinder eine Pädagogin (12 davon sind Frauen, nur der Zivildiener ist männlich), während in Wiener Gemeindekindergärten eine Pädagogin bis zu 25 Kinder betreut, unterstützt nur von einer Assistentin. »Uns wird trotzdem nie fad«, meint Putz. »Der Bedarf, für die kleinen und großen Nöte der Kinder da zu sein, ist groß, und da sind die speziellen Bedürfnisse noch nicht einkalkuliert.« Auf die Ausbildung von Kindergartenpädagog_innen angesprochen, meint die Kindergartenleiterin lapidar: »Das Thema ermüdet mich.« Die ehemalige Lehrerin kann nicht verstehen, weshalb es keine akademische Ausbildung für diesen Beruf gibt. »Die BAKIPs (Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik) sind nicht für die Ausbildung geeignet, da nur wenige der Absolventen tatsächlich den Beruf ergreifen, obwohl es einen Mangel an Kindergartenpädagogen gibt.« Putz nimmt keine Praktikant_innen auf, da sie »in diesem Alter zum Teil sehr mit ihrer eigenen Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt sind«. Die Kindergartenleiterin ortet zudem einen Mangel an Ansehen für ihren Berufsstand: »Bei uns sind das immer noch die Tanten, die ein bisserl mit den Kindern spielen. Dabei sind Kindergartenpädagogen gemeinsam mit Volksschullehrern und Eltern die wichtigsten Personen für Kinder unter zehn Jahren.« Putz zahlt ihren Pädagoginnen mehr als im Kollektivvertrag der Stadt Wien vorgesehen ist.

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Akademische Ausbildung gefordert

Im Jänner dieses Jahres schrieb der Dachverband der Kindergarten- und Hortpädagog_innen (ÖDKH) einen offenen Brief an Bundeskanzler Faymann, in dem Vorsitzende Raphaela Keller Reformen für die Bildungschancen der Kinder forderte. Der Hintergrund: Die Qualitätsstandards für Betreuungseinrichtungen sind bundesweit nicht einheitlich geregelt, in jedem Bundesland gelten andere Bestimmungen: Die Anzahl der Kinder in einer Kindergruppe, wie viele Kinder eine Pädagogin maximal betreuen darf sowie die Größe des Gruppenraums sind Ländersache. »Der gesamte elementare Bildungsbereich gehört in Bundeskompetenz«, fordert Keller. Das umfasse auch Krippen, Kleinkindgruppen und Horte. Ein weiteres vieldiskutiertes Thema: In Österreich werden angehende Kindergärtnerinnen (98,6 % sind Frauen) nach wie vor in den Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik (BAKIP) unterrichtet. Kritiker_innen fordern seit Jahren eine akademische Ausbildung. Die Mehrheit der EU-Staaten lässt ihre Kindergartenpädagog_innen auf Universitäts-Niveau ausbilden. »Die pädagogische Arbeit mit Kindern und Eltern in Kindertageseinrichtungen hat einen hohen fachlichen Anspruch, der nicht geringer ist als der in der Schule«, ist auch Andreas Wildgruber, wissenschaftlicher Mitarbeiter im bayrischen Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP), überzeugt.

Der private Kindergartenträger »Kinder in Wien« (KIWI) macht mit dem Angebot eines akademischen Studienganges einen ersten Schritt in diese Richtung: BABE+ steht für »Bachelor of Arts: Bildung & Erziehung +« und wird als dualer Studiengang, eine Kombination aus praktischer Arbeit und theoretischer Ausbildung auf Hochschulebene, in der KIWI-Akademie angeboten. »Wenn wir für unsere Kinder das Beste wollen, dann müssen wir denen, die von klein auf mit ihnen arbeiten, das beste Rüstzeug geben«, ist KIWI-Vorsitzende Christine Marek überzeugt. Die Ausbildung findet in Kooperation mit der Hochschule Koblenz statt, die sich bereits seit zehn Jahren mit der Aufwertung der elementarpädagogischen Ausbildung beschäftigt.

Frühe Förderung

»Das vorschulische System ist in Österreich chronisch unterfinanziert«, kritisiert Wassilios Fthenakis, Mitautor der OECD-Studie »Starting Strong«. Zahlreiche Studien belegen die positiven Effekte frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung (FBBE): Das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) stellt in einer Expertise fest, dass sich FBBE positiv auf Lernbereitschaft und Lernfreude, Schulerfolg und Sozialverhalten der Kinder auswirke. Die Studienergebnisse zeigen auch, dass Kinder aus Migrant_innenfamilien den Übergang vom Kindergarten zur Schule leichter bewältigen als Kinder, die nicht gefördert wurden. Ein aktueller EU-Bericht des Eurydice-Netzwerkes besagt zudem, dass frühkindliche Bildung dazu beiträgt, künftige Ausgaben für Sozial- und Gesundheitsleistungen und für Maßnahmen im Justizbereich zu verringern. Laut derselben Studie ist jedes vierte Kind im Alter unter sechs Jahren in Europa aufgrund mangelnder Bildung von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Auch das Angebot an Kinderbetreuungsplätzen lässt noch zu wünschen übrig – besonders für unter Dreijährige. Wien hat die Nase vorn mit 2.374 Kindertagesheimen, von denen der Großteil 51 bis 52 Wochen im Jahr geöffnet hat. Zu den Schlusslichtern gehört Vorarlberg mit 437 Kin­der­be­treu­ungsstätten, die im Schnitt an über 38 Werk­ta­gen im Jahr ge­schlos­sen bleiben. Und eine Erhebung der Arbeiterkammer Niederösterreich zeigte, dass es zu wenige Kinderkrippen für unter 2,5-Jährige gibt und dass diese zu teuer sind.

Von Beginn an Bildung

Im Babygarten im 3. Wiener Gemeinde­bezirk werden Babys und Kleinkinder ab zwei Monaten betreut, zurzeit sind drei Kinder unter einem Jahr eingeschrieben. Matilda gehört mit 22 Monaten zu den Großen und kommt bereits seit einem Jahr in den Babygarten. Mit ihrer Freundin, der zweijährigen Anouk, widmet sie sich hingebungsvoll dem Kneten von Pastilin. »Wir fördern die Kinder«, erklärt die Leiterin Michaela Zwickelstorfer. »Zuerst müssen jedoch die Grundbedürfnisse wie Sicherheit oder Essen und Trinken befriedigt werden, Kinder in diesem Alter brauchen sehr viel persönliche Zuwendung.« Die Mutter von fünf Kindern gründete den Babygarten vor zwei Jahren als Zusatzangebot zu städtischen Kinderkrippen. »In herkömmlichen Kinderkrippen kommen auf 15 Kinder zwei bis drei Betreuer, bei uns kümmern sich vier ausgebildete Kindergruppenbetreuer um maximal 14 Kinder«, erzählt Zwickelstorfer. Im Babygarten werden den Kindern verschiedene Beschäftigungen angeboten. Sie entscheiden selbst, wo sie mitmachen möchten. »Dass alle Kinder gemeinsam spielen, ist in diesem Alter selten.« Umso größer ist die Verantwortung, sich um jedes einzelne Kind zu kümmern. »Wir sehen unsere Aufgabe vor allem im Beobachten der Kinder, um ihre Bedürfnisse zu erkennen und darauf eingehen zu können«, ergänzt die Kindergruppenleiterin. »Für Kinder im ersten Lebensjahr können Krippen nicht immer das optimale Umfeld für ihre Entwicklung bieten«, räumt IFP-Experte Wildgruber ein. »Deshalb ist ein Krippenbesuch meist erst ab dem ersten Lebensjahr empfehlenswert. Und dann sollten in diesem Alter maximal drei Kinder auf eine Fachkraft kommen.«

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Dass die ersten Jahre eines Kindes prägend sind, bestätigt die Entwicklungspsychologin Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des IFP. »Die Erfahrungen, die ein Kind in diesem Alter macht, bestimmen die Ausformung seines Gehirns.« Dieses Wissen erhöht aber auch den Druck auf Eltern, ihre Kinder rechtzeitig zu fördern. »Eltern haben die Riesenangst, etwas zu verpassen, und wollen alles richtig machen«, meint der deutsche Hirnforscher Martin Korte dazu. »Die Erwartungshaltung an die Förderung von Kindern ist gewaltig gestiegen.« Tatsächlich haben Neugeborene bereits hundert Milliarden Nervenzellen, ungefähr die gleiche Anzahl, die auch ein Erwachsener hat. Gibt es anfangs noch wenige Kontaktstellen zwischen diesen Zellen, so vernetzt sich das Gehirn im Laufe der Säuglings- und Kleinkindzeit unglaublich schnell. Korte warnt jedoch davor, Kleinkinder mit Lernprogrammen zu überfordern: »Das Wichtigste für Eltern von Kindern unter drei Jahren ist es, eine emotionale Bindung zu schaffen.« Elterliche Förderung kann jedoch auch darin bestehen, altersgerechte Angebote zu machen, um die angeborene Neugier und Entdeckungsfreude des Kindes zu unterstützen. »Kinder wollen von der ersten Lebensminute an mit der Umwelt in Kontakt treten und diese erfahren«, ergänzt Wildgruber. »Je besser die Anregungen in der Familie und in der Kindertageseinrichtung sind, umso weiter entwickelt sind Kinder am Ende der Kindergartenzeit.«

 

 

Beate Meinl-Reisinger

Beate Meinl-Reisinger

NEOS Familiensprecherin

Anfang September wurde Prinzessin Estelle von Schweden »eingeschult«, so berichteten Medien – mit gerade einmal zwei Jahren. Der Bericht über die »Ein­schulung« zeigt, welchen Stellenwert ein schwedischer Kindergarten – denn dahin geht die kleine ­Prinzessin – hat. Er ist eine erste Bildungseinrichtung und keine Aufbe­wahrungsstätte. Diese Erkenntnis ist in der heimischen Politik nicht zur Gänze angekommen. So meinte Gemeindebundpräsident Helmut Mödlhammer, die Gemeinden seien nur für Betreuung zuständig, nicht aber für Bildung. Die Frühkindpädagogik ist auf Bundes­ebene in zwei Ministerien angesiedelt. Praktisch sind aber Länder und Gemeinden zuständig. Kurz: ein unglaub­liches Kompetenz-Wirrwarr, das unmöglich der Qualität ­zuträglich sein kann. Ministerin Karmasin zeigt diese zersplitterte Kompetenzlage ungewollt auf, wenn sie im folgenden Interview sagt: »Im bundeseinheitlichen Bildungs­RahmenPlan, dem Bildungsplan für das verpflichtende Kindergartenjahr, sowie den Kinderbildungs- und -betreuungsgesetzen und Bildungsplänen der Bundesländer« sei alles geregelt. Das heißt: Derzeit gibt es keine einheitlichen Qualitäts­standards. Das gehört ­geändert! Nachdem Frühkindpäda­gogik die erste Bildungs­stufe ist, gehört sie auch im Bildungsministerium angesiedelt. Wir fordern klare Kompetenzen auf Minister_­innenebene und eine klare Kompetenz des Bundes in der Grundsatzgesetzgebung für Hort- und Kindergarten­wesen. Nur so kann es endlich ein österreichweites Bekenntnis zu mehr Qualität in der Frühkindpädagogik geben.
300 Millionen Euro an Bundesmitteln werden für die Elementar­pädagogik in die Hand genommen. Wer fördert, muss aber auch fordern können. Die Chance, diese Mittel stärker an Qualitätsvorgaben zu koppeln, wurde versäumt. Am deutlichsten sichtbar wird das bei den Mindestöffnungs­zeiten der Kindergärten, wo Länder, die die Mittel »­abholen« wollen, nur noch angehalten werden, Kindergärten 45 ­Wochen im Jahr offen zu halten. Das ist das falsche Signal in Zeiten vermehrter Berufstätigkeit beider Elternteile oder steigender Alleinerzieher_innen-Zahlen.
Der zweite Reformschritt: Ausbildung. Wir müssen die Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik zu Berufsbildenden Höheren Schulen für den Sozial-, Gesundheits- und Bildungsbereich aufwerten, die viele Berufsmöglichkeiten bieten. Die elementarpädagogische Fachausbildung muss dann im tertiären Bereich erfolgen. Bisher beenden Pädagog_innen mit 19 ihre Ausbildung – mehr als 40 Prozent entscheiden sich dann für einen anderen Job. Hier gehört gegengesteuert. Wir fordern: Bildung von Anfang an! Das sind wir der ­Zukunft unseres Landes schuldig. Wir haben fünf anstehende Herausforderungen und zehn Lösungsansätze dazu in einer ­Broschüre ausgearbeitet, Sie finden diese online.