Hohes altes Haus

23. 01. 2015, Mitreden!

Das Parlamentsgebäude wurde 1883 eröffnet, der Sitzungssaal des Nationalrats wurde nach der Zerstörung 1945 in den 50er Jahren renoviert. Seither hat sich im Parlament und an seiner Ausstattung nicht viel verändert. – Fotoreportage vor dem Umbau und Interview mit Hermann Schnell, Architekt und Mitglied des Planungsteams. 

Fotos: Nicole Heiling
Interview: Juliane Fischer

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MUT: Sehen Sie den Umbau auch als eine Frage der politischen Kultur?

Hermann Schnell: Absolut. Die Architektur ist ein wesentlicher Faktor, um mehr Demokratie ins Parlament zu bringen. Ihre Aufgabe ist es,  eine angenehme Atmosphäre für ein gutes Gesprächsklima zu schaffen.

Wie beeinflusst die Architektur das Gesprächsklima?

In der Architektur gibt es drei Grundwirkungstypen. Ein Gebäude kann beeindrucken und einschüchtern. Das trifft auf den Justizpalast zu: Er soll mit poliertem Granit und eindrucksvollen Räumen die Menschen sich klein fühlen lassen und die Gewalt des Rechts und der Rechtsprechung vermitteln. Dann gibt es dekonstruktivistische Gebäude mit spitzen Ecken und schrägen Säulen. Die wirken befremdlich auf uns. Zur dritten Gruppe gehört das Parlamentsgebäude. Es ist freundlich konstruiert in seinen Wegeführungen und Proportionen, Farben und Materialien und strahlt Sicherheit aus. »Mögen die auf der Straße schießen, hier bin ich aufgehoben«, haben sich vermutlich die Herren zu Kaiserzeiten gedacht.

Welche Architekturelemente spielen dabei eine Rolle? 

Hansen hat in jedem Detail darauf geachtet, das Gefühl der Demokratie zu transportieren, und danach Gestaltungselemente präzise eingesetzt. So ist die Prunkstiege beispielsweise herrschaftlich mit einem Geländer aus Bronze, aber der Handlauf ist angenehm mit gebeiztem Weichholz hergestellt und wie in einer bürgerlichen Villa. Die Raumproportionen nehmen Bezug auf Körperproportionen – das wirkt einladend, nicht einschüchternd. Gestalterische Tricks sorgen dafür, dass Besucher sich trotz der immensen Proportionen nicht klein fühlen. In sämtlichen Fluren wurden darum auf Hüfthöhe kleine Vorsprünge montiert, die Türschnallen der hohen Türen sind auf bequemer Höhe.

Was wird sich jetzt am Gebäude ändern?

Wir versuchen, noch mehr Raum für angenehme Begegnung zu schaffen. Früher waren im Parlamentsgebäude die sogenannte Große Kammer und das vom Kaiser ernannte Herrenhaus vertreten. Diese Gruppen hatten Mitglieder unterschiedlichster Herkunft und standen einander eher skeptisch gegenüber. Das Gebäude war so konzipiert, dass Begegnungen beiläufig und angenehm in den Gängen möglich waren, daneben gab es noch den gemeinsamen Zugang über die Prunkstiege und die Säulenhalle.

Heute sind Begegnungen noch viel wichtiger. Wir führen deshalb die ursprüngliche Idee der Säulenhalle weiter. Zusätzlich ist zum Beispiel ein Dachcafé geplant, das auch für Besucher der Führungen oder für Gäste von Abgeordneten geöffnet ist. Bisher gab es nur die Bar im Keller – nicht wirklich attraktiv situiert. Bei Bedarf wird es auch Klublounges für die sechs unterschiedlichen Parteien geben, damit sie sich gleich im Haus zurückziehen können.

Rohrpost, Abgeordnete, die sich mit Kabeltrommeln selbst versorgen – die Infrastruktur im Parlamentsgebäude wirkt auch eher altmodisch …

Der Plenarsaal ist sicher ein gutes Beispiel dafür. Hier sind etwa auch Änderungen in der Sitzordnung schon eine große Herausforderung. Mit dem Umbau wird der Plenarsaal so flexibel gestaltet, dass wir mit unterschiedlichen Abgeordnetenzahlen leicht umgehen können. Nach einer Wahl soll es nicht mehr ein Jahr lang dauern, bis man zu einer Sitzordnung kommt. Mit der Technik eines modernen Sesselsystems und im Boden eingelassenen Schienen wird man in 1-2 Tagen die Sitze umstecken können wie unterschiedlich große Tortenstücke, die räumlich Fairness abbilden.

Wer redet bei den Details zur Umbau­planung mit?

Das Parlamentsrestaurierungsgesetz – ein rührendes Vermächtnis von Frau Prammer – wurde von den Abgeordneten beschlossen. Es ist übrigens eine absolute Neuheit, auch für Österreich, dass ein Bauprojekt in einem eigenen Gesetz beschrieben und beschlossen wird. 

Haben die Abgeordneten dann auch mitgeplant? 

Wir haben einen Nutzerbeirat eingerichtet, um alle Interessen in den Umbau zu sammeln und zu diskutieren. Jede Partei hat fachkundige Delegierte entsandt, die einmal ­monatlich tagen. 

Wie gelingt es, neuen Raum zu schaffen, wenn sich am Gebäude nicht viel ändert? 

Im Wesentlichen werden nur Lagerräume weggelassen. Wir kultivieren sozusagen Hohlräume, Dächer und Kellerräume. Es gibt zauberhafte große Räume, die ohnehin isoliert werden müssen, der Mehrkostenaufwand hält sich sehr gering. Große Lagerräume im Erdgeschoß werden in Zukunft sehr schön nutzbar gemacht, Dachräume ausgebaut. Unter dem Arbeitstitel »Nachhaltige Sanierung« aktivieren wir brachliegende Flächen im Haus ohne dramatische Veränderung. So können wir die Kernnutzfläche des Gebäudes ohne Eingriffe in das Äußere um etwa 40 % steigern.

 

Michael Pock

Michael Pock

NEOS Petitionssprecher

Das Parlament ist ein intensiv genutztes Gebäude mit großer Geschichte. Durch die Sanierung werden die Weichen in Richtung Umwelt­freundlichkeit, Transparenz und Bürger_innenbeteiligung gestellt. Fernwärme und Fernkälte ermöglichen künftig einen umweltfreundlichen Betrieb. Verbessert wird die Zugänglichkeit für körperlich beeinträchtigte Personen, insbesondere im Plenarsaal.

Stichwort Transparenz: Das Siegerprojekt bringt im wahrsten Sinn des Wortes Licht ins ­Dunkel des Parlaments – durch das Glasdach des Plenar­saals scheint künftig Tageslicht, das belebt die Atmosphäre. Angenehm für das Klima ist auch der verringerte Konfrontationscharakter zwischen Abgeordneten und Regierung, die nicht mehr hoch oben im Rücken der Redner sitzt, sondern zur Linken und Rechten auf Augenhöhe.

Auf wechselnde Mehrheiten und mehr Fraktionen wurde Rücksicht genommen. Wo möglich, werden Räume modular gestaltet – so können sie besser an die Bedürfnisse der Fraktionen und der Parlamentsdirektion angepasst werden. Positiv ist auch die Modernisierung der flexibel nutzbaren und modern ausgestatteten Ausschusslokale – für eine breitere Teilnahme sowie die öffentliche Übertragung von Sitzungen.Das gesamte Gebäude steht im Zeichen des Dialogs. Eine Cafeteria sowie zahlreiche Informations- und Ausstellungsflächen stehen Besucher_innen zur Verfügung. Die Demokratie-Werkstatt erhält endlich eigene Räumlichkeiten direkt im Haus – ein schönes Zeichen an unsere Jüngsten!

  • Dominik Berghofer

    Ich freu mich schon auf das sanierte Parlament, obwohl es in der derzeitigen Form durchaus einen gewissen Charme hat 🙂 Wann gehts mit dem Umbau los?

  • Mut

    …aus heutiger Sicht 2017 – dann, wenn die Ausweichquartiere fertig sind (http://www.parlament.gv.at/GEBF/PROJ/UpdatesSanierung/)