Grundrecht auf Glück

14. 02. 2016, Mitreden!

Ha Vinh Tho, Direktor des „Gross National Happiness Centre“, erklärt das in Bhutan praktizierte Prinzip des Bruttonationalglücks.

Ha Vinh Tho meditiert offenbar gerne. Er legt auch mitten in seinem Vortrag eine Pause ein und regt auch das Publikum an, sich mit ihm zu sammeln, bevor es weitergeht. das ist aber auch der einzige Hinweis auf spirituelle Hintergründe – sonst redet Tho an diesem Abend über wirtschaftliche Eckdaten und praktische Politik. Tho ist Direktor des Zentrums für Bruttonationalglück in Bhutan und war im Februar auf Einladung der Gemeinwohl-Ökonomen in Wien.
Bruttonationalglück ersetzt in Bhutan schon seit über 40 Jahren das Bruttonationalprodukt als Mess- und Steuerungsinstrument bei politischen und ökonomischen Entscheidungen. Das Wachstum des Bruttonationalprodukts enthält viele Faktoren, die nicht wirklich positiv sind (etwa Kosten für Kriminalitätsbekämpfung oder Krankenpflege), vernachlässigt viele Leistungen, die nicht kommerziell abgerechnet werden (Kinderbetreuung in der Familie, ehrenamtliche Arbeit) und berücksichtigt die negativen Folgen des Wachstums nicht (Umweltzerstörung, steigender Energieverbrauch) oder dreht sie sogar – sofern sie Kosten verursachen – ins Positive.

Mehr als Wachstum

Schon seit den 60er Jahren hat sich eine Vielzahl neuer Indikatoren entwickelt, die Fortschritt und Wachstum mit umfassenderen Kriterien messen (siehe dazu auch „Wem geht es gut?“).
Die Geschichte des Glücks in Bhutan war eine andere: Jigme Singye Wangchuck, 1972 bis 2006 König von Bhutan, soll sehr unsicher gewesen sein, als er nach dem Tod seines Vaters mit erst 16 Jahren den Thron bestieg. Die Legende will, dass er zwei Jahre lang zu Meetings im ganzen Land aufrief, um die Bevölkerung zu fragen, was sie eigentlich möchte. Daraus soll die Idee des Bruttonationalglücks entstanden sein, mit Glück als dem gemeinsamen Nenner, auf den sich alle einigen konnten.
Heute wird Glück nicht nur als spirituelles Produkt gesehen; dem Glücksindikator liegen klare Prinzipien und Faktoren zu Grunde. Deren Entwicklung wird vom Gross National Happiness Centre regelmäßig gemessen. Die vier Grundprinzipien sind:
  • Good Governance: steht einerseits für eine Regierung, der das Gemeinwohl ein Anliegen ist, andererseits für funktionierende Prozesse und klare Regeln
  • nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung: Wirtschaft ist wichtig, muss aber genug Freiraum lassen und auch die traditionell unbezahlten Bereiche berücksichtigen
  • Bewahrung und Förderung von Kultur: in Bhutan ist das vorrangig traditionelle Kultur
  • Gesunde Umwelt
„Diese vier Prinzipien zeigen: Die menschliche Gesellschaft ist neben Tieren und Pflanzen nur eines von mehreren Systemen auf der Erde. Innerhalb der menschlichen Gesellschaft ist Wirtschaft wieder nur eines von mehreren Systemen. Deshalb ist Wirtschaft sehr wichtig, sie kann aber kein alleiniger Hauptzweck sein“, erklärt Tho. Lebensstandard, Bildung, Gesundheit, Umwelt, der Zustand der Gemeinschaft, Zeiteinteilung (zwischen Arbeit, Freizeit und Erholung, psychisches Wohlbefinden, Qualität der Verwaltung und Lebendigkeit der Kultur sind die neun Bereiche, mit denen Glück regelmässig gemessen wird.

Planwirtschaft zum Glück

In der Praxis bedeutet das dann auch viele Verbote: Rauchen in der Öffentlichkeit ist ebenso verboten wie Fischen, erzählt Tho, auch einige Berge dürfen nicht bestiegen werden, um sie spirituell intakt zu halten.
Eine weitere Folge der lokalen Glücksdefinition ist auch der nahezu komplette Verzicht auf Tourismus: Bhutan hat nur etwa 70.000 Gäste im Jahr und verzichtet auf die Mehreinnahmen, um Probleme wie Umweltzerstörung, Korruption oder Sextourismus zu vermeiden.
Der gemessene Glücks-Index steigt langsam; negative Emotionen wie Neid oder Frustration wachsen allerdings auch.
In anderen Indikatoren bewegt sich Bhutan eher im hinteren Mittelfeld: Der Humand Development Index reiht Bhutan aus Rang 132 (1: Norwegen, Österreich: 32), der Global Happiness Index auf Rang 79 (1: Schweiz, Österreich: 13); im Social Progress Index und im Happy Planet Index ist Bhutan nicht erfasst.
Der Weg zum Glück wird über Planwirtschaft verfolgt: Der aktuelle Fünf-Jahres-Plan trägt den Titel „Self-reliance, inclusive green socio-economic development“ und läuft bis 2018. Eines er erklärten Ziele dabei ist Vollbeschäftigung. In den letzten Jahren verzeichnete Bhutan konstante Zuwachsraten von acht Prozent in seiner Wirtschaft – großteils durch den Ausbau von Wasserkraft und den Export von Strom nach Indien.

Unterschiedliche Glückskonzepte

„Das in Bhutan ausgearbeitete Konzept von Glück ist sicher nicht unhinterfragt auf andere Länder übertragbar“, erklärt Tho. „In Bhutan ist die traditionelle Kultur sehr stark und lebendig, sie existiert nicht nur fürs Museum.“
In Europa wird oft gefordert, Wirtschaft und Politik „vom Menschen weg zu denken“. Dahinter steckt die Vorstellung, sozialere Ordnungen zu schaffen, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen und ein – in der entsprechenden Ideologie – menschenwürdigeres Umfeld zu schaffen. Bhutan betrachtet sich, auf den Westen übertragen, als eine Art Versuchslabor. Das Beispiel zeigt, was funktionieren kann, denn wenn auch Bhutan in weltweiten Rankings nie an der Spitze zu finden ist, schneidet es doch besser ab als vergleichbare Nachbarn. Die Glücksexperten selbst warnen aber davor, in der Ausrichtung von Bhutan eine Art „zurück zu Natur“ oder „zurück zur Gemeinschaft“ zu sehen, das auch für Europa anwendbar wäre. Regionale Glücks- und gesellschaftliche Nachhaltigkeitskonzepte müssen jedes Mal neu entwickelt werden.
Vielleicht wird man für Österreich bald mehr darüber wissen. Für ein Bruttonationalglückszentrum in Österreich gibt es einige Interessensbekundungen.

 ***

Weiterlesen:

  • Kaputtalismus oder ZivilkapitalismusLinke und Liberale argumentieren ähnlich und kommen doch zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen
  • Lieber doch Kommunismus?Slavoj Zizek beschäftigt sich mit Protest, Kapitalismus, Batman und der Notwendigkeit des Kommunismus
  • Grundrecht auf Glück – Ha Vinh Tho, Direktor des „Gross National Happiness Centre“, erklärt das in Bhutan praktizierte Prinzip des Bruttonationalglücks
  • Sozialmuseum EuropaMichael Moore erobert in seinem neuen Film die besten sozialen Ideen Europas für die USA