Editorial: Zeit, dass sich was ändert

04. 12. 2014, Mitreden!

Irgendwann ist die Schmerzgrenze erreicht. Spätestens dann, wenn die Hochburgen der Bürokratie gegen sich selbst wettern. 

»Niemand kann Österreich verstehen, der nicht zuvor unsere Bürokratie begriffen hat. Da ist der Schlüssel zu allem. Und niemand kann uns ­helfen, der nicht ihrem Unwesen ein Ende macht. Sie bläst aber jedem das Licht aus, der es versucht. Denn sie hat Macht über alles.«

Als gelernte Österreicherin oder Österreicher lächelt man über diese Zeilen, nickt und zuckt mit den Schultern. So ist es halt. Jede(r) kennt die Regeln, man braucht Formulare für dieses und jenes, rennt damit von Pontius zu Pilatus und wieder zurück. Nur wenn man viel Glück hat, findet man jemanden, der einem erklärt, was eigentlich zu tun ist – und dann rennt man schon wieder. Kennt jede(r). Ist so. Punkt.

Ist es so?

Irgendwann ist die Schmerzgrenze erreicht. Vielleicht dann, wenn der Präsident der Wirtschaftskammer über Bürokratie als ein ­Monster spricht: Eine sich selbstständig machende Bürokratie sei ein Monster, das nicht mehr zu stoppen sei. Ja, das ist richtig, Herr Präsident. Vollste Unterstützung. Und was tun Sie dagegen? Welche Initiativen haben Sie in Ihrer bisherigen 14-jährigen Amtszeit dagegen gesetzt? Mit Ihren guten Kontakten zu der Partei in der Regierung, die mit Wirtschaftskompetenz punkten möchte? Da sollte es doch eigentlich ein Leichtes sein, Maßnahmen zum Bürokratieabbau zu setzen.

Mit der Wirtschaftskammer, die wohl nicht zu Unrecht im Heftinneren als politische Vorfeldorganisation bezeichnet wird, kann man doch sicher einiges bewegen? Was haben Sie erreicht? Und was erklären Sie engagierten Jungunternehmer_innen, die nach einer erfolgreichen Startphase plötzlich ins Straucheln geraten? Weil das Geschäft zwar langsam zu laufen beginnt, die Förderungen und Zuschüsse dadurch weniger werden – und plötzlich eine Flut an Nachzahlungen und Vorauszahlungen fällig wird, neue Gewerbescheine gelöst werden müssen, weil das Unternehmen expandiert – und dann auch noch Kammerbeiträge fällig werden. Da hat sich schon so manche(r) engagierte Start-up-Gründer_in gefragt: Was bringt mir die Kammer, Herr Präsident?

Warum wettern Sie gegen Bürokratie, ohne einmal in Ihrer eigenen Tintenburg dagegenzuarbeiten? Was passiert denn mit den Kammerbeiträgen? Wie hoch ist denn Ihr Budget? Was passiert mit diesem Geld? Und vor allem: Was bringt mir das? Ja, Kammern haben ihre Berechtigung, keine Frage. Und es wird auch viele Unternehmerinnen und Unternehmer geben, die ihre Unterstützung wollen. Es gibt aber sicher genauso viele, die darauf verzichten möchten. Warum für etwas zahlen, das einem nichts bringt? Und warum soll die Wirtschaftskammer nicht um ihre »Kund_innen« kämpfen, sich dem Wettbewerb stellen? Warum soll sie nicht deutlich machen, was sie dem einzelnen Unternehmen bringt? Passt das Angebot – dann wird es auch entsprechend Nachfrage geben. Und schon wird dem »Unwesen Bürokratie« aus dem eingangs erwähnten Zitat zumindest etwas am Zeug geflickt. Übrigens. Es stammt von Hermann Bahr und ist rund 100 Jahre alt. Zeit, dass sich was ändert.

Susanne Leiter

Susanne Leiter

NEOS Pressesprecherin, Chefredakteurin

Chefredakteurin