Editorial: Frauen sind Pensionverliererinnen

22. 01. 2015, Mitreden!

Was verstehen Sie unter Gerechtigkeit? Diese – scheinbar einfache – Frage wird wohl jede und jeder anders beantworten. Schon allein, weil wir alle sofort ein Bild von einer persönlich erlebten Ungerechtigkeit im Kopf haben. Auch in der Politik geht es um Ungerechtigkeiten. Ungerechtigkeiten, die bekämpft, verhindert, ausgeglichen werden müssen.

Ein Beispiel. Es ist doch nur gerecht, dass Frauen früher als Männer in Pension gehen. »Das ist kein Privileg. Es ist ein notwendiger Ausgleich für die vielfältigen Belastungen, die Frauen in der Gesellschaft und in der Arbeitswelt immer noch haben«, schreibt die SPÖ-Abgeordnete Elisabeth Grossmann in einer Aussendung vom 20. November 2014. Und weiter: Eine Anhebung des Frauenpensionsantrittsalters wäre eine »kalte Pensionskürzung«. Aha. Das wirklich Erstaunliche dabei ist, dass solche Aussagen von den meisten Politikerinnen und Politikern anderer Parteien nicht nur unwidersprochen stehen bleiben, sondern auch noch bestätigt werden. Aus Unwissenheit? Unwillen? Unverständnis? Es ist doch nur gerecht, heißt es einfach. Nein, das ist es eben nicht. Es ist sogar höchst ungerecht. Mehr noch, es ist eine im Gesetz verankerte Ungleichbehandlung zwischen Männern und Frauen.

Frauen sind Pensionsverliererinnen

Die erwähnte »kalte Pensionskürzung« ist doch längst Realität. Denn wenn ich gezwungen werde, fünf Jahre früher in Pension zu gehen, dann verliere ich genau diese fünf Verdienstjahre in meiner Pensionsberechnung. Diese Jahre werden mir per Gesetz gestohlen. Mehr noch, es ist sehr wahrscheinlich, dass mein Dienstgeber in den Jahren vor dem früheren Pensionsantritt nicht mehr in meine Weiterbildung investieren will. Somit verliere ich möglicherweise auch die Chance auf eine weitere Gehaltserhöhung, die meinen Pensionsansprüchen gut täte. Und so sieht das Bild derzeit aus: Frauen gehen mit durchschnittlich 842 Euro in Pension, Männer mit 1.379 Euro. Natürlich – Teilzeitbeschäftigungen erschweren den Vergleich. Und dennoch oder gerade deshalb: Sieht so Gleichbehandlung aus? Ist das gerecht?  

Ja, Frauen sind »vielfältigen Belastungen« ausgesetzt. Richtig. Die Lösung dafür kann aber doch nicht sein, dass ich dafür nur noch 25 Jahre arbeiten muss statt 30! Das ändert jetzt genau nichts und verschärft die Finanzierbarkeit unseres Pensionssystems nur. Zusätzlich bemüht die Politik im hilflosen Suchen nach Erklärungen lieber arbeitsmarktpolitische Argumente: Frauen müssen ja auch deshalb früher in Pension gehen, da sie sonst in der Altersarbeitslosigkeit landen würden. Das ist eine Themenverfehlung. Eine teure noch dazu. Arbeitsmarktpolitik muss doch mehr leisten, als Frauen einfach früher in Pension zu schicken. 

Die Politik muss endlich offen und ehrlich diskutieren, welche Reformen notwendig sind, damit das Pensionssystem auf langfristige Beine gestellt wird. Dazu zählen ein längst fälliger Pensionsautomatismus, eine Angleichung des Frauenpensionsantrittsalters und ein endgültiges Aus für Sonderprivilegien. Nur so kann ich darauf hoffen, dass auch meine Tochter irgendwann eine Pension erhält. Und das verstehe ich persönlich unter Gerechtigkeit. 

Susanne Leiter

Susanne Leiter

NEOS Pressesprecherin, Chefredakteurin