Brauchen wir das?

24. 06. 2014, Mitreden!

Jetzt macht sich NEOS das bisschen Zeitung, das sie in der politischen Debattenwelt von gestern als Bedeutungssurrogat brauchen, also selber. Das erinnert mich an die vielen Gespräche, die ich während des vergangenen Jahrzehnts mit Bewerber_innen für die »Presse«-Lehrredaktion geführt habe. Auf die Frage, wie denn ihr durchschnittlicher Medienkonsum aussähe, antworteten 90 Prozent der Bewerber_innen, sie würden Medien ausschließlich digital konsumieren. Auf die Frage, ob sie nach Abschluss der Lehrredaktion lieber für das Printprodukt oder für den Onlinedienst arbeiten wollten, antworteten 90 Prozent, dass sie das Printprodukt vorziehen würden.

Man merkt es nicht nur an diesem Einstieg in die Totholz-Bedeutungsindustrie, nein, es drang von Beginn an aus allen NEOS-Poren: Dabei sein wollen!

Dieses »Dabei sein wollen!« umfasst deutlich mehr als nur das Bekenntnis von Matthias Strolz, dass parlamentarische Oppositionsarbeit gewissermaßen etwas NEOS-Artfremdes, weil zu wenig »Anpackendes« sei. Es äußert sich auch und vor allem in der Bereitschaft dieser politischen Kraft, sich dem aktuellen Trend von Politik anzuschließen, der darin besteht, immer weiter in all jene Bereiche unseres Lebens einzudringen, in denen sie eigentlich nichts verloren hat. Weil die NEOS-Verantwortlichen es für die Aufgabe von Politik halten, die Lebensentwürfe der Bürger_innen zu gestalten.

Thomas Rietzschel hat in seinem aktuellen Buch »Geplünderte Demokratie« eindrucksvoll beschrieben, wohin diese Vorstellung zwangsläufig führt: Politik wird dann zum selbsterhaltenden System, das sich immer neue Aufgaben suchen muss, für deren Administration immer mehr Geld eingetrieben werden muss.

Liberal geht anders. Liberal würde in der Situation, in der wir uns heute befinden, bedeuten, den Rückzug der Politik aus jenen Breiten zu organisieren, in denen sie es sich auf unsere Kosten gemütlich gemacht hat. Liberal würde also bedeuten: Nicht mehr dabei sein wollen! Aber der Trend ist nun einmal nicht liberal. Und wenn nicht alles täuscht, gibt es Situationen, in denen NEOS lieber im Trend ist als liberal.

Mit dem Einstieg in die politische Publizistik folgt NEOS auch einem mächtigen Trend, der sich in der Medienindustrie seit längerem abzeichnet und der mit dafür verantwortlich ist, dass einige der Geschäftsmodelle in der Industrie, zum Beispiel das der Tageszeitung, einen qualvollen Tod sterben: Content Marketing. Auch zu diesem Trend darf ich einen anekdotischen Befund beisteuern: Als im Hangar-7 das Magazin »Red Bulletin« präsentiert wurde, das seit einigen Jahren den Bundesländerzeitungen beiliegt und inzwischen auch in Deutschland und durch Vertriebskooperationen mit regionalen und überregionalen Medien unter die Leute gebracht wurde, fragte Dietrich Mateschitz in die Runde, was denn die Zeitungsleute von dem Ding halten würden. Ich sagte in ehrlicher Bewunderung: »Selten einen so schönen Prospekt gesehen.«

Das war, wie ich an der eher indignierten Reaktion erkennen konnte, nicht die richtige Antwort gewesen. Es sollte ja eben kein Prospekt sein, sondern ein, wie es auf der Titelseite selbstironisch hieß, »fast unabhängiges« Magazin. Content Marketing, könnte man sagen, ist die Produkt gewordene Erkenntnis, dass jemand, der etwas zu sagen hat, die Medien nicht mehr im herkömmlichen Sinn als Mittler braucht, indem er sich darin platziert. Die maximale Rolle besteht in der eines Logistikdienstleisters, der die Beilage transportiert. Die Margen in diesem Geschäft sind überschaubar.

Ein wesentlicher Bestandteil des Content-Marketing-Gedankens ist der Versuch, durch die Hereinnahme von zusätzlichen, ja vielleicht sogar gegensätzlichen Botschaften in das Produkt, das die eigenen Ideen, Vorstellungen und Werte kommunizieren soll, die Glaubwürdigkeit und damit die Wirkung zu erhöhen. Die Erfahrung zeigt, dass man immer irgendwelche nützlichen Idioten findet, die diese Aufgabe übernehmen, sei es, weil sie jung sind und das Geld brauchen, sei es, weil sie sich mit den kommunizierten Werten identifizieren, sei es, weil sie sich einfach bei jeder sich bietenden Gelegenheit wichtig machen.

Ich glaube, das Konzept geht auf.

  • Neos wird auf absehbare Zeit Strohhalm-Funktion für ein gar nicht so kleines Zielpublikum haben, das sich der intrinsischen Dynamiken des Politbetriebs nicht so bewusst ist wie fle. Oder diese nicht wahrhaben will und verdrängt, dürfte in etwa gleichverteilt sein. Neos werden dabei nach und nach, wie alle Parteien vor ihnen, zur leider ernstgemeinten Karikatur der eigenen, ohnehin nur nominal vertretenen Idee werden. Und bei Regierungsbeteiligung, ohnehin schon heute die gar nicht nur heimlich kommunizierte Priorität, weit vor einem, angesichts des (demographischen) Nettosteuerzahleranteils völlig unmöglichen, Neuen Österreich, den Weg ihrer EP-Fraktionskollegen gehen: „F“DP und „Lib“Dems. Jetzt die gute Nachricht für Jünger: Bis dahin wirds viele Wahlsiege geben, weil das Medianwählern völlig egal ist und sie hoffnungslos vernarrt in die „Wir regieren uns selbst“-Illusion sind. Sie ihnen Hoffnung gibt und diese, nach Nietzsche, eine viel größere Stimulans des Lebens als jedwedes Glück ist. Es wird sich bis dahin und auch danach am „Alten Österreich“ unterm Strich nichts, absolut gar nichts zum Positiven ändern. Im Gegenteil. Und das -je- Regierungsbeteiligung. Gute Pointe und simple Probabilistik. Eine freiere, freiwilligere, weniger autoritäre, eigenverantwortlichere, rechtsstaatlich-liberale Idee einer politischen Entität würde das Bohren dickerer Bretter und entsprechende Werkzeuge bedingen. Dafür fehlt der Neos-DNA aber der am eifrigsten gespin’te Wert: Mut. Wahrscheinlich wurde dieses recht redundante Magazin auch deshalb gleich entsprechend co-branded. „Wahrer durch Wiederholung“ ist ja auch eine zutiefst österreichischer MO. Und ja, auch die Antwort darauf kenn ich schon. Marshall B. Rosenberg hab ich auch gelesen.