„Bildungsbürger fürchten Veränderung“

23. 01. 2015, Mitreden!

Niki Glattauer, Lehrer und Autor von Büchern wie »Der engagierte Lehrer und seine Feinde« über Ängste der Bildungsbürger_innen, Stillstand in der Politik und die ideale Schule.

Interview: Susanne Wolf
Fotos: Monika Nutz

 

MUT: Was hat Sie dazu bewogen, vom Journalismus auf den Lehrerberuf umzusteigen?

Niki Glattauer: Ich war 15 Jahre lang Journalist, zum Schluss stellvertretender Chefredakteur von »News«. Ich wollte diesen Boulevardjournalismus nicht mehr mitmachen und habe mich zum Haupt- und Sonderschullehrer ausbilden lassen.

Sie unterrichten in einer Neuen Mittelschule – eine Schulform, die Sie kritisieren.

Das pädagogische Konzept der NMS ist an sich gut, funktioniert jedoch nur dann, wenn alle mitmachen – also nur in durchmischten Klassen. Die NMS neben dem Gymnasium anzubieten ist sinnlos. Ich plädiere für eine gemeinsame ­Schule, das Wort Gesamtschule kann ich nicht mehr hören, da es keinen Sinn macht, Kinder nach der Volksschule zu trennen.

An Ihrer Schule haben 90 bis100 Prozent der Schüler ­Migrationshintergrund. Wie funktioniert das?

Zuerst einmal: Ich mag das Wort Migrant nicht, weil es Schüler automatisch auseinanderdividiert. Bei uns funktioniert die Integration von Schülern mit nicht-deutscher Muttersprache gut, weil wir eine Direktorin haben, der dieses Thema ein großes Anliegen ist. Es gibt zwei- und dreisprachige Unterrichtseinheiten und die jeweilige Muttersprache wird gefördert. Auch die Religionslehrer – islamisch, katholisch, serbisch-orthodox – bieten gemeinsame Religionseinheiten an. Schüler mit anderer Muttersprache brauchen Muttersprachenlehrer, mehr Anwesenheit in der Schule, man muss auf Mentalitätsunterschiede eingehen. Ganz wichtig ist auch, Moslems zu entradikalisieren und stattdessen zur Integration und Auflösung von Gegensätzen beizutragen.

Was läuft in unserem Schulsystem schief?

Lehrer müssen gesellschaftspolitische oder Arbeitsmarktprobleme ausbügeln: Wir haben immer schon 20 bis 30 % schlecht beschulte Kinder gehabt, aber früher gab es für weniger erfolgreiche Schulabgänger auch Jobs. Diese Jobs brechen heute weg und es gibt plötzlich nur noch Arbeit für die Besten der Besten. Das ist ein Arbeitsmarktproblem, das Schulen nicht ­lösen können!

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Unsere Schulen funktionieren dort, wo die Eltern funktionieren und wo es überengagierte Lehrer gibt, die sich selbst aufopfern. Schüler, deren Eltern beim Lernen helfen können, sind bevorzugt. Aber was ist mit Schülern, deren Eltern weniger gebildet sind und die den ganzen Tag arbeiten müssen? Nicht alle Eltern können ihre Erziehungsrolle so wie früher wahrnehmen – ich werfe das den Eltern auch nicht vor, da das eine gesellschaftliche Entwicklung ist. Und auf die sollten sich Schulen einstellen: Schule muss in der Schule stattfinden, nicht zu Hause.

Was wäre die Lösung?

Die gemeinsame Schule und die Ganztagsschule, ein Schulsystem wie in skandinavischen Ländern. Lehrer müssten 40 Stunden in der Schule verbringen, aber auch mehr Hilfe von pädagogischen Experten bekommen.

Seit Jahren werden Reformen gefordert, passiert ist aber wenig. Was ist eigentlich aus dem Bildungsvolksbegehren geworden, das Sie mit unterstützt haben?

Das Volksbegehren ist nicht ganz so gut ausgegangen, wie wir uns das erwartet hatten, aber angesichts des Stillstandes in Bildungsfragen waren über 400.000 Unterschriften ein gutes Ergebnis. Immerhin hat es bewirkt, dass sich immer mehr Standesvertretungen wie Industriellenvereinigung oder Arbeiterkammer für Themen wie die Aufwertung der Elementarpädagogik, die Gesamtschule oder Ganztagsschulen aussprechen.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund für die geringe ­Beteiligung am Bildungsvolksbegehren?

Tatsache ist, dass die Bildungsbürger am meisten Angst vor Veränderung haben, weil sie eine Benachteiligung ihrer Kinder fürchten; die weniger Gebildeten wiederum sind zu wenig informiert. Diese Angst wird von vielen Politikern genährt – vor allem Teile der ÖVP und die gesamte FPÖ machen Angstpolitik statt Bildungspolitik.
Zudem hat unser Bildungsbürgertum ein ständisches Bildungsdenken: Die, die oben sind, bleiben dort auch und die unten sind uns wurscht. Ich rede bei Lesungen viel mit Eltern und bekomme immer wieder zu hören: »Mir hat die Schule auch nicht geschadet, ich habe es auch überstanden.« Ich frage dann immer: »Das soll Schule sein – etwas, das man überstehen muss?«

Gibt es andere Gründe, weshalb Reformen so zögerlich ­umgesetzt werden?

Eine rote Bildungsministerin und eine schwarze Lehrergewerkschaft – ganz schlechte Voraussetzungen für sinnvolle Reformen.  

Glattauer1Was können Eltern tun, die sich Veränderung wünschen?

Eltern sollten selbstbewusst sagen: Die Schule ist zuständig für Schüler, nicht wir! Und sie sollen mitentscheiden – indem sie die Partei wählen, die Veränderung anstrebt, an Volksbefragungen oder Petitionen teilnehmen. Und Mitglied im Elternverein werden – da dort viele Bildungsbürger sitzen, die Veränderung blockieren. 

Was halten Sie von Neuerungen wie Informatik als Kulturtechnik oder Unternehmertum als Schulfach?

Das macht durchaus Sinn, da Computersprache die neue Kultursprache ist. In unserer Schule ersetzen wir zum Teil die Tafel durch den Beamer und sind gut digitalisiert.
Für Kinder mit geringen Deutschkenntnissen ist die Computerisierung eine Hilfe.
Was Managementfähigkeiten betrifft, gibt es hier schon das Schulfach LIM (Lernen und Informationsmanagement). Es ist wichtig, weg von reinen Bildungsthemen zu kommen und auch Kompetenzen wie Management zu fördern.

Wie stellen Sie sich die ideale Schule vor?

Es wird zu viel Druck auf die Schule gemacht, z.B. von der Wirtschaft, und die Schule gibt den Druck auf Schüler und Eltern weiter. Ein bisschen mehr Gelassenheit und Humor wäre gut – es muss nicht die ganze Erziehung in 12 Jahren Schule passieren!

Schule soll nicht in erster Linie einen Leistungsgedanken pflegen, sondern die Persönlichkeit prägen, neugierig, stark und selbstbewusst machen. Sie sollte ein Aufbauprogramm sein und kein Runterziehprogramm! Es wäre schön, wenn junge Menschen, die die Schule verlassen, sagen könnten: »Ha! Jetzt hab ich das Leben vor mir.«

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