Als die Städte denken lernten

24. 06. 2014, Mitreden!

Städte als neue Problemlöser: Sie sind schneller, besser vernetzt und haben einen direkteren Draht zu ihren Bürger_innen als Nationalstaaten.

Die Stadt weiß, was ihre Bewohner_innen brauchen: Straßenbeleuchtungen richten ihre Betriebszeiten und ihre Helligkeit danach, ob und wie einzelne Straßenzüge zu welcher Zeit benutzt werden. Stromnetze steuern den Verbrauch in Haushalten danach, wie viel erneuerbare Energie zu welchem Preis gerade verfügbar ist. Ampeln regeln den Verkehr so, dass öffentliche Verkehrsmittel und Fußgänger_innen schnell und reibungslos durch die Stadt kommen. Sensoren in Müllcontainern messen, wie voll diese bereits sind, und steuern dadurch die tägliche Route der Müllabfuhr. Und sollte doch einmal etwas nicht funktionieren, dann können Bürger_innen per Smartphone Probleme der Stadtverwaltung bekanntgeben.

So oder ähnlich sehen Visionen von Smart Cities aus. Immer mehr Städte machen aus ihren Problemen – Verkehrs- und Umweltbelastung, Energieverbrauch, aufwendige Administration – die neuen Stärken moderner Metropolen.

Die Zahlen sprechen für sich: Städte bedecken nur zwei Prozent der Erdoberfläche, sie konzentrieren aber mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Bis 2050 werden 70 Prozent der Menschen in Städten leben. Jetzt schon gehen drei Viertel des weltweiten Energieverbrauchs auf die Kappe von Städten, und Städte verursachen 80 Prozent des Kohlenstoffausstoßes.

Städte sorgen für eine Menge Probleme – sie gelten aber zugleich als die Problemlöser der Zukunft: »Smart Cities sind Städte, die mit ihren Bürgerinnen und Bürgern an einer integrierten problemorientierten Stadtentwicklung arbeiten«, erklärt Rudolf Giffinger, Professor an der Technischen Universität Wien am Department für Raumentwicklung, Infrastruktur- und Umweltplanung und eine der Koryphäen für Smart Cities in Europa. Der Politologe Benjamin Barber geht noch einen Schritt weiter: Während Staaten seiner These nach immer ineffizienter werden, haben Städte ein großes Instrumentarium entwickelt, um ihre Herausforderungen in den Griff zu bekommen. Metropolen fällt es leichter, Netzwerke zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen – und sie haben einen direkteren Draht zu ihren Bürger_innen als Nationalstaaten.

Digitalisierung

Ein wichtiger Faktor dabei: Digitalisierung. Tallinn, Hauptstadt von Estland, gilt als das Vorzeigeprojekt schlechthin in Europa. Die Stadt hat nicht nur fast flächendeckendes öffentliches WLAN, bargeldlose Handy-Zahlungslösungen für Parkscheine, Fahrkarten und Kinotickets sowie eine einfache digitale Signatur für Bürger_innen. Auch Krankenakten und sogar Schulnoten sind zentral digital erfasst – Eltern können alles über die Schulleistungen ihrer Kinder online abrufen, und Kinder können auf der gleichen Plattform auf digitale Lerninhalte zugreifen, etwa um versäumten Stoff nachzuholen. Auch die Startup-Szene boomt: Mit dem Stigobike entsteht gerade der schnellste faltbare Elektroroller der Welt. »Wir haben eigentlich gar keine Verkehrsprobleme in unserer Stadt«, sagt Stigobike-Erfinder Rando Pikner. »Aber wir reisen viel und das Verkehrschaos in anderen Städten hat uns auf die Idee gebracht.« Der Stigo soll eine Reichweite von 40 Kilometern haben und Geschwindigkeiten von knapp 30 Stundenkilometern erreichen. Derzeit werden Vorbestellungen entgegengenommen, die erste Charge wird im Frühling 2015 ausgeliefert.

Ein anderes Startup aus Tallinn ist über diese Phase schon lange hinaus: Der Messaging- und Online-Telefoniedienst Skype wurde ebenfalls in der Hauptstadt Estlands entwickelt. »Es hat eben seine Vorteile, wenn man ein Land von null weg neu aufbaut«, sagt Skype-Mitgründer Jaan Tallinn. »Du kannst von allem die besten Lösungen einsetzen.«

Mobilität

Copenhagen Wheel

Copenhagen Wheel

Ein smartphonegesteuertes E-Bike sammelt Daten über Verkehrslage, Luftverschmutzung und Kohlenmonoxid-Belastung, um den Fahrer bei der Wahl der schnellsten und gesündesten Route zu unterstützen – und um optional die Daten auch an die Stadtverwaltung weitergeben zu können. superpedestrian.com

Intelligente Mobilität ist ein weiterer Schwerpunkt von Smart Cities. Öffentlicher Verkehr, Fahrräder, Elektroautos und Sharing-Modelle für Fahrzeuge müssen auch wirklich den Bedürfnissen der Fahrgäste entsprechen: Fahren sie zur richtigen Zeit, sind die Intervalle angemessen und sind die Ausleih- und Rückgabemodelle der Sharing-Fahrzeuge auch kund_innenfreundlich?

Nach einer intensiven Beobachtungs- und Analysezeit stellt die Stadt Barcelona seit 2012 schrittweise ihr Busnetzwerk um, um den Bedürfnissen der Menschen gerechter zu werden. Das historisch gewachsene verwinkelte Netzwerk wird durch ein rechtwinkeliges Gitter ersetzt. Erklärtes Ziel dabei: 95 Prozent aller Fahrziele sollen mit nur einmaligem Umsteigen erreicht werden – und die Stadtbewohner_innen sollen sich die Routen der einzelnen Buslinien leichter merken können.

Sharing-Modelle und Elektrofahrzeuge funktionieren innerhalb der Städte meistens gut, ein Problem ist aber oft die Anbindung des Umlands. Im belgischen Flandern schlossen sich vergangenes Jahr 38 Gemeinden zusammen, um ein durchgehendes Netzwerk von Ladestationen für Elektrofahrzeuge zwischen den wichtigsten Städten zu schaffen. Die maximale Distanz zwischen den Ladestationen soll bei 20 Kilometern liegen.

Amsterdam, dank der Fahrraddichte eine der verkehrstechnisch nachhaltigsten Städte Europas, experimentiert mit beheizten Radwegen, um Fahrräder als Ganzjahresfahrzeuge zu etablieren, Kosten bei der Schneeräumung einzusparen und den Einsatz umweltschädlicher Streuchemikalien zu vermeiden. Dabei wird ähnlich wie bei einer Fußbodenheizung etwa zehn Grad warmes Grundwasser in Rohren unter den Wegen gepumpt. Erste Tests auf Pilotstrecken im vergangenen Winter waren erfolgreich.

Energie

Eine der größten Herausforderungen für Städte ist der Umgang mit Energie. Als größte Energieverbraucher sind Städte gefordert, um die europaweit definierten Zielvorgaben – 20 Prozent weniger Treibhausgasemissionen als 2005, 20 Prozent Anteil an erneuerbaren Energien und 20 Prozent mehr Energieeffizienz – zu erreichen.

Und jede Stadt ist anders. Smart Cities-Experte Rudolf Giffinger: »Städte, die zum Beispiel sehr stark über Kohle mit Energie versorgt werden, müssen eine ganz andere Diskussion führen als eine Stadt wie Wien.« Wiederum andere Herausforderungen herrschen im Süden Europas, wo es »zum Beispiel einen überbordenden Individualverkehr oder ganz andere klimatische Voraussetzungen für den Wohnungsbau gibt«. Städte organisieren so oft ganze Stadtteile als lebende Laboratorien, in denen Energieversorgung und -steuerung wissenschaftlich beobachtet werden, um neue Lösungen zu entwickeln. In Wien werden dazu im Zuge der Entwicklung der Seestadt Aspern bis 2018 40 Millionen Euro investiert, um neu entstehende Wohnhäuser und Bürogebäude mit moderner Energieversorgung und Messgeräten auszustatten. Die Aspern Smart City Research GmbH ist Partner der Initiative Smart City Wien. Unter dieser Dachmarke laufen unter anderem Projekte wie die Entwicklung ökologisch nachhaltigerer Straßenbahnen, der Stadtentwicklungsplan Step 2025, der die Vision für ein smartes Wien definieren soll, oder Forschungen zu integrierter Mobilität. Die Mobility-Plattform SMILE (Smart Mobility Info and Ticketing System Leading the Way for Effective E-Mobility Services) soll Stadtbewohner_innen den besten Weg zu ihrem Ziel zeigen und gleichzeitig die lückenlose Buchung von Verkehrsmitteln ermöglichen – vom U-Bahnticket über das Citybike bis zum Carsharing.

Vernetzung

Kommunikation auf allen Ebenen ist die wichtigste Zutat für smarte Initiativen. Die unterschiedlichen Systeme einer Stadt – Energie- und Wasserversorgung, öffentlicher Verkehr, Verkehrs- und Notfallsorganisation – funktionieren um so effizienter, je genauer sie aufeinander abgestimmt sind. Wo das hinführen kann, zeigt die brasilianische Metropole Rio de Janeiro. Wo früher unterschiedliche Kontrollzentren damit beschäftigt waren, einzelne Systeme zu überwachen, sind heute alle Informationen im sogenannten Intelligent Operations Centre zusammengefasst. Ein breit gestreutes Netzwerk an Sensoren und Kameras liefert Informationen über alle wichtigen Punkte der Stadt. Das bedeutet ständige Überwachung, aber zugleich auch schnellere Problemerkennung – die Reaktionszeiten von Rettung und Feuerwehr etwa haben sich seither um 30 Prozent verbessert.

Datenschutz

Der große Datendurst intelligenter Systeme ist bei aller Annehmlichkeit, die Smart Cities mit sich bringen, einer der großen Kritikpunkte an dieser Vision. Viele smarte Anwendungen erstellen genaue Profile ihrer Nutzer_innen und liefern so eine Datenbasis, die Rückschlüsse auf einzelne Personen ermöglicht. Datenschutzrichtlinien sind zwar sehr konkret, »aber wir können in den seltensten Fällen prüfen, wie weit sie eingehalten werden«, sagt Andreas Krisch, Mitglied des Datenschutzrates – dazu gibt es zu wenig Möglichkeiten und zu wenig Personal. Krisch hält auch nichts davon, Stadtbewohner_innen selbst in die Verantwortung zu nehmen: »Wir haben oft überhaupt kein Verständnis dafür, was mit unseren Daten gemacht wird, und wir sind viel zu blauäugig.«

Smart Citizens

b-Part

Als Teil des Urban Europe Programms untersucht b-Part neue Wege der digitalen Beteiligung – möglichst in Echtzeit. Mobile Anwendungen und Screens in den Städten sollen einen ständigen direkten Dialog zwischen Bürger_innen und ihrer Stadt schaffen – und für schnelle Reaktionsmöglichkeiten sorgen.

www.b-part.eu

Bevor Städte smarter werden als ihre Bewohner_innen, müssen diese in die Planungen miteinbezogen werden. »Meiner Meinung nach gehen die Schwerpunkte der Forschungspolitik, insbesondere der EU, zu sehr in die technische Richtung. Und das sage ich, insbesondere weil ich an der TU arbeite und dadurch interdisziplinäre Ansätze gestärkt werden könnten«, sagt Giffinger. Es sollte eine »Fokussierung und Stärkung jener Forschung geben, die auf städtische Innovationen ausgerichtet ist und dabei Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft und Technik zusammenbringt«.

Auch Yvonne Franz, Wissenschaftlerin am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien, unterstreicht diesen Aspekt und warnt »trotz aller Zukunfts- und Innovationsfähigkeit, die bei den Smart-City-Projekten, Entwicklungsstrategien und Visionen mitschwingt« vor zu großem Optimismus. Die Zukunft unserer Städte hängt von zahlreichen Makroprozessen wie dem demografischen Wandel, Wachstum und der ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit ab. Problemen wie sozialer und ethnischer Fragmentierung sei »nicht nur mit Technologie und Innovation zu begegnen«.

Zu viel Technik und die Sorge um den Datenschutz sind denn auch die größten Hürden auf dem Weg zu intelligenten Städten. Unter dem Motto »Urban Europe«, einer Initiative der Europäischen Kommission, laufen auch mit Beteiligung der Universität Wien Projekte, die sich vor allem mit den sozialen Folgen des Städte-Booms beschäftigen. In eigenen Gentrification-Forschungen wird untersucht, wie sich die Aufwertung von Stadtteilen auf die ursprüngliche Bevölkerung auswirkt. Auch die Nutzung von digitalen Technologien nicht nur zur Messung und Steuerung von Abläufen, sondern zur direkten und schnellen Einbindung von Bürger_innen, etwa über einfaches Mitbestimmen per Smartphone, ist einer der Schwerpunkte von »Urban Europe«.

Ohne die Einbindung von Bürger_innen, so sind sich Stadtentwickler_innen einig, werden Smart Cities zu Geisterstädten. Aber im Draht zur Bevölkerung liegt ja, wenn man Benjamin Barber glaubt, die große Stärke von Städten.

 

(Illustration: (c) filip robert/shutterstock.com,
Foto: (c) Michael D. Spencer)

Michael Pock

Michael Pock

NEOS Petitionssprecher

Smart Cities heißt für NEOS, dass es nicht nur um den Einsatz innovativer Technologien, um eine nachhaltige Stadtplanung und um einen klaren Fokus auf Ressourcenschonung geht. Aus unserer Sicht braucht es dazu auch eine Neudefinition der Rolle der Bürger_innen. Nur durch eine stärkere Einbindung aller gelingt die notwendige aktive und eigenverantwortliche Beteiligung am Gestaltungsprozess der »Stadt der Zukunft«. Aus einer Vielzahl von Gesprächen wissen wir, dass sich die Menschen wieder nach dem »Grätzel« sehnen, in dem sie alles bekommen können – mit kurzen Wegen durch gemischt genutzte Stadtquartiere. Für NEOS steht fest, dass die Stadt der Zukunft auch nicht ohne neue Formen der Mobilität auskommen wird. So etwa könnten Elektro-Lastenfahrzeuge den Stadtverkehr durch weniger Lärm und Emissionen deutlich entlasten. Das Beispiel Oslo zeigt für NEOS sehr gut, dass nur überregionale Kooperationen »smart« sein können. Das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln darf beispielsweise nicht an der Stadtgrenze aufhören. Dazu müssen Angebot und Qualität gesteigert werden, durch S-Bahn-Ausbau, eine attraktivere Vernetzung unterschiedlicher Verkehrsträger (Combined Ticketing) und intelligentere Ticket-Systeme (E-Ticketing). Auch die Möglichkeiten für Fußgänger_innen und Radfahrer_innen können noch verbessert werden, etwa durch Modernisierungen in der Straßenverkehrsordnung (z.B. »Diagonal Grün«).